Die andere Wange, Teil 5
am 01.10.2005 von http://www.feder-und-paragraph.de
Mit etwas Verspätung, für dich ich mich entschuldigen möchte, nun der fünfte Teil meiner Fortsetzungskurzgeschichte "Die andere Wange". Alle bisherigen Teile von "Die andere Wange" können Sie hier als .pdf herunterladen.Der fünfte Teil ist etwas kürzer geraten als die bisherigen Parts. Dies liegt daran, dass er hauptsächlich eine Überleitung für die folgenden Teile darstellt, ich hoffe nichtsdestotrotz, dass auch er sich angenehm liest. Als Ausgleich für die Kürze des fünten Teils werde ich mich bemühen, den sechsten umso schneller, direkt in der nächsten Woche statt des sonst üblichen Zwei-Wochen-Rhythmus, folgen zu lassen."Die andere Wange" - Teil 5Eine Fortsetzungskurzgeschichte von Jan-Tobias Kitzel (j.kitzel@feder-und-paragraph.de)
Dirk wischte sich über die Augen.
Er musste mittlerweile Augenringe wie LKW-Reifen haben. Der Fall schlauchte
ihn, zehrte an seinen nicht gerade großen Reserven. Er hatte nicht gut
geschlafen diese Nacht, immer wieder waren ihm Fragmente von Khalans Rede in
den Traum geschossen und hatten ihn schweißgebadet. Ein Teil seines Ichs
forderte ihn auf, den Fall sofort niederzulegen und sich zu verkriechen. Doch
ein anderer Teil zwang ihn zum Weitermachen. Dieses Mal würde er nicht
aufgeben, dieses Mal nicht. Auch wenn die Welt es anscheinend darauf anlegte,
ihn in den Wahnsinn zu treiben.
Es war mittlerweile später Nachmittag und er hatte den ganzen Tag Klinken
geputzt. Er hatte mehr herausfinden wollen über Khalan, den Unscheinbaren, den
Verschwörer. Aber es gab genau drei Arten von Antworten, die er erhielt.
"Kenne ich nicht", "Über den red ich nicht" und sein
Favorit "Ah ja, der alte Khalan, ein ganz Lieber, der immer freundlich grüßt
und keiner Fliege was zuleide tun kann". Große Klasse!
Seufzend stieg Dirk die knarzende Holztreppe im heruntergekommenen
Altbaumietshaus empor. Es stank nach menschlichen Exkrementen und die Herkunft
des Gestanks offenbarte sich jede Tür aufs neue, an der er vorbei ging. Es war
ein Haus der Sorte, für die man einen Wohnberechtigungsschein und eine gehörige
Portion Selbstverachtung brauchte. Wenn man seinen Müll nicht aus dem Fenster
in den Hof schmiss, galt man schon als Mustermieter. Wenn er hier auch keine
verwertbaren Informationen bekam, wäre der Tag gelaufen. Er hatte gehört, dass
Khalan des Öfteren in einer Teestube eingekehrt war, die vor kurzem geschlossen
hatte. Der insolvente Wirt der Stube sollte hier wohnen. Kein Wunder, dass der
Laden nicht gelaufen war. Wer hier wohnte, bei dem würde er auch keinen trinken
gehen.
Das Dachgeschoss war erreicht und Dirk rang nach Atem. Sechs Etagen und kein
Fahrstuhl. Warum nur? Hatte er in irgendeinem früheren Leben einen
Fahrstuhlwärter ermordet? Müde hob er die Hand und drückte sie geschützt mit
dem Ärmel auf den siffigen Klingelknopf. Ein schrilles Piepen erklang auf der
anderen Seite der altersschwachen Holztür und Dirk schauderte. Bei der Klingel
würden sogar Tote auferstehen.
Und er schien Glück zu haben. Langsames Schlurfen näherte sich der Tür von der
anderen Seite und sie wurde einen Spaltbreit geöffnet.
"Ja?", kam es von der anderen Seite. Ein Schwall ekelhaft süßlicher
Luft kam durch den Spalt.
"Guten Abend. Sind Sie Herr Ilbis? Dem die Teebude unten an der
Straßenecke gehört hat?"
"Wer will das wissen?" Zögern lag in der tiefen, reibeisenhaften
Stimme.
"Ein Freund von Khalan. Ich suche ihn, er ist verschwunden. Und man sagte
mir, dass er des Öfteren früher bei Ihnen war. Wissen Sie vielleicht, wo er
sein könnte? Man lernt sich als Wirt und Gast ja durchaus kennen...",
antwortete Dirk.
"Khalan ... Khalan. Tschuldigung, aber Namen hab ich mir noch nie merken
können." Die Tür war immer noch nur einen Spaltbreit geöffnet. Echte
Höflichkeit zahlte sich doch immer aus, insbesondere als Wirt...
Dirk zog das Foto von Khalan aus der Tasche und reichte es durch den Spalt.
Eine rauchvergilbte Hand zog es hastig an sich und schlug die Tür zu, als wolle
sie verhindern, dass der Teufel persönlich mit durch den Spalt gekrochen käme.
Na gut, hier im Haus war eine gewisse Paranoia sicherlich überlebensnotwendig.
Dirk schüttelte den Kopf, was der Nacken knackend begleitete. Er brauchte
Schlaf.
"Moment", grollte es von der anderen Seite und mehrere Minuten
vergingen. Dann wurde das Foto unter der Tür wieder hindurch geschoben.
"Kenne den kaum. War zwar oft bei mir, aber das war ein komisches
Kerlchen. Blieb immer unter sich, hatte eine Ecke ganz für sich allein und
redete kaum. Niemand, den man kennenlernen wollte, wenn se verstehen. Aber mit
nem anderen hat der sich oft stundenlang unterhalten. Aber nur mit dem. Schien
dicke mit dem zu sein." Dirk musste sich ein Lachen verkneifen. Je länger
der Mann redete, desto deutlicher kam der Ruhrpottslang heraus. Und das gepaart
mit dem arabischen Akzent, vielleicht türkisch oder syrisch, klang einfach zum
Schreien. Multikulti at the best, wahrscheinlich Einwanderer der ersten
Generation, hätte zu den faltigen Händen von vorhin gepasst.
Der Mann fuhr fort: "Von dem kann ich Ihnen sogar den Namen geben, der
ließ immer anschreiben, so einen merk sogar ich mir. Wat wäre Ihnen das denn
wert?"
Um 5 Euro ärmer die Tarife hier waren echt günstig und um einen Namen
reicher verließ Dirk schleunig den Altbau. Sogar die Smogluft der Großstadt
konnte erfrischend sein, stellte er fest, als er in das Dämmerlicht der Straße
eintauchte und sich auf zur nächsten Haltestelle machte.
Er hatte einen Namen Marek Karescz und würde damit jetzt bei einem alten
Bekannten hausieren gehen. Es zahlte sich aus, wenn man noch Gefallen aus alter
Zeit offen hatte...
Komplett-Download von "Die andere Wange".Rückmeldungen über die Kommentarfunktion sind wie immer gern gesehen.
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