Deutschland bleibt bei Nein zu Guantanamo-Häftlingen

Berlin/Washington (Reuters) - Deutschland bleibt auch bei der zweiten US-Anfrage zur Aufnahme von Häftlingen aus dem umstrittenen Gefängnis Guantanamo vorerst bei seiner ablehnenden Haltung.

"Die von den USA gegebenen Informationen reichen bislang nicht, um grünes Licht für die Aufnahme der zwei Männer zu geben", erklärte das Bundesinnenministerium am Donnerstag. Unterdessen verlangte China die Auslieferung der insgesamt 17 Uiguren, von denen vier auf dem britischen Überseegebiet Bermuda eintrafen. Ursprünglich hatten die USA die Bundesregierung um die Aufnahme der aus China stammenden Männer gebeten.

"Wir prüfen zwei neue Fälle", sagte Ministeriumssprecher Stefan Paris. Im wesentlichen müssten drei Fragen beantwortet werden, um über die Aufnahme der Häftlinge zu entscheiden. Es gehe darum, ob von den Männern noch eine Gefahr ausgehe, warum sie nicht in den USA aufgenommen werden könnten und welchen Deutschlandbezug sie hätten. Zu den Männern machte er keine Angaben. In Sicherheitskreisen hieß es darüber hinaus, die Männer stammten aus Tunesien und Syrien.

CHINA POCHT AUF AUSLIEFERUNG DER UIGUREN

Die chinesische Regierung pocht nach wie vor auf eine Auslieferung der Uiguren. "China lehnt die Überführung der Verdächtigen in Drittländer ab", erklärte der Sprecher des chinesischen Außenministeriums. Die USA müssten ihre internationalen Verpflichtungen zur Terrorbekämpfung einhalten. China sieht in den Männern Mitglieder einer islamistischen Gruppe. Die Uiguren, ein Turkvolk, leben überwiegend in der Provinz Xinjiang. Viele lehnen die Kontrolle durch Peking und den Zustrom von Han-Chinesen ab.

Das US-Justizministerium teilte mit, vier der Uiguren sollten auf den Bermuda-Inseln angesiedelt werden, wo sie am Donnerstag eintrafen. Einer der Befreiten dankte der Regierung in Bermuda im Namen der Gruppe: "Während wir im Kommunismus aufwuchsen, träumten wir immer davon, in einer feien Gesellschaft wie dieser in Frieden zu leben und zu arbeiten." Der Inselstaat Palau hatte sich einen Tag früher bereiterklärt, die 17 chinesischen Muslime vorübergehend aufzunehmen. Die verbliebenen 14 Männer könnten also noch in Palau ein neues Leben beginnen. Die Uiguren stellen aus Sicht der USA keine Bedrohung da, könnten aber nicht zurück nach China, weil ihnen dort Verfolgung drohe.

IN DEUTSCHLAND SCHON FRÜHER STREIT ÜBER GUANTANAMO-HÄFTLINGE

In Deutschland hatte es Streit über eine Aufnahme der Uiguren gegeben. Während Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) dafür war, um damit den neuen Kurs von US-Präsident Barack Obama zu stützen, lehnte Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) dies ab. Bundeskanzlerin Angela Merkel hielt US-Präsident Barack Obama, der das Gefangenenlager auf Kuba binnen eines Jahres schließen will, bei dessen jüngstem Besuch in dieser Frage hin.

In der Bundesregierung dürfte zumindest Erleichterung darüber herrschen, dass eine Unterbringung der Uiguren hierzulande erst einmal keine Rolle mehr spielt. Die Beziehungen zu China waren nach dem Empfang des tibetischen Religionsführers Dalai Lama im Kanzleramt über Monate angespannt gewesen. China, das Tibet 1950 besetzt hatte, wirft dem Dalai Lama separatistische Tendenzen vor.



Quelle: Reuters (11. Juni 2009)

  • Infos zum Artikel
  • Kommentare
  • Ähnliches

Themen: Deutschland , Berlin , Germany , Guantanamo , Legislation , Western Europe , Europe , German General News , Domestic Politics , United States OF America , Judicial Processes/court Cases/court Decisions , Peking , Sprecher , China , Bundesinnenministerium , Paris , Cuba , Australia , Asia , Africa , Chinesen , South And Central America , Palau , Washington / US Government News , "tanzania, (united Republic Of)"

Erschienen 11. Juni 2009 bei http://www.reuters.com.

Sie haben eine Meinung zum Thema? Artikels kommentieren
Artikel kommentieren

Deutschland bleibt bei Nein zu Guantanamo-Häftlingen

Reuters | 11. Juni 2009 — Berlin/Washington (Reuters) - Deutschland bleibt auch bei der zweiten US-Anfrage zur Aufnahme von Häftlingen aus dem umstritten…

Steinmeier sieht noch Klärungsbedarf bei Guantanamo-Gefangenen

Reuters | 19. Mai 2009 — Brüssel (Reuters) - Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hat sich in der Diskussion um die Aufnahme einer Gruppe von Uig…

Merkel hält USA bei Aufnahme von Uiguren weiter hin

Reuters | 5. Juni 2009 — Dresden/Bremerhaven (Reuters) - Die Bundesregierung hält die USA bei der Entscheidung über die Aufnahme mehrerer Uiguren aus de…

Schäuble: US-Unterlagen zu Guantanamo-Häftlingen unzureichend

Reuters | 9. Mai 2009Berlin (Reuters) - Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble lehnt eine Aufnahme ehemaliger Häftlinge des US-Gefangenenlagers Guant…

Guantanamo Reuters: Merkel macht keine Zusage zu Aufnahme von Guantanamo-Häftlingen

Reuters | 5. Juni 2009Dresden (Reuters) - Bundeskanzlerin Angela Merkel hat US-Präsident Barack Obama bisher keine Zusage zur Aufnahme von Guantana…

FOKUS1-Schäuble blockiert Aufnahme von Uigurem

Reuters | 9. Mai 2009Berlin (Reuters) - Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble lehnt eine Aufnahme ehemaliger Häftlinge des US-Gefangenenlagers Guant…

Zeitung: Schäuble will weitere Guantanamo-Häftlinge ablehnen

Reuters | 8. Juli 2009Berlin (Reuters) - Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) will einem Zeitungsbericht zufolge erneut ein Gesuch der USA zur…

Schäuble blockiert Aufnahme von Uigurem

Reuters | 10. Mai 2009Berlin (Reuters) - Innerhalb der Union und in den Bundesländern wächst der Widerstand gegen eine Aufnahme ehemaliger Häftlinge …

Bundesregierung erwägt Aufnahme von Guantanamo-Insassen

Reuters | 27. März 2010Berlin (Reuters) - Die Bundesregierung will nun womöglich doch Häftlinge aus dem umstrittenen US-Gefangenenlager Guantanamo auf…

"Spiegel" - Guantanamo-Häftlinge könnten nach Deutschland kommen

Reuters | 27. März 2010Berlin (Reuters) - Die Bundesregierung will nach einem Bericht des Magazins "Der Spiegel" nun womöglich doch Häftlinge aus dem …