Deutscher Bundespräsident: Majestätsbeleidigung?

Bild: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung/Steffen Kugler.

Wie viel Meinungsfreiheit ist erlaubt? Der deutsche Bundespräsident Christian Wulff zeigt, dass Deutschland tatsächlich kein Hort der Meinungsfreiheit ist und geht wegen «Verunglimpfung des Bundespräsidenten» (Art. 90 StGB-DE) gegen eine bei Facebook veröffentlichte mutmassliche Fotomontage vor. Mein deutscher Anwaltskollege Markus Kompa äussert sich mit passendem Zynismus bei TELEPOLIS dazu:

»Der Bürger Herr Christian Wulff hat einen Rochus auf einen anderen Bürger aus Zittau, welcher der Bürgerin Frau Bettina Wulff eine Kränkung zufügte. So soll der Unhold im Fratzenbuch ein offenbar gefotoshoptes Lichtbild zur Schau gestellt haben, welches des Bürgers Herrn Wulffens bessere Hälfte scheinbar bei einem seit 1945 in Deutschland unüblichen Gruß zeigte. […] Während tatsächliche Anwärter auf den deutschen Königsthron wie etwa der Prinz zu Hannover bei Unflat das bürgerliche Persönlichkeitsrecht zu bemühen und traditionell die Zivilgerichte anzurufen pflegen, will ausgerechnet der Bürger Herr Wulff das hoheitliche Sonderrecht der Majestätsbeleidigung fruchtbar machen. Diese heißt für den ersten Bürger im Staate inzwischen ‹Verunglimpfung des Bundespräsidenten› und ist in § 90 StGB neben der konventionellen Beleidigung besonders unter Strafe gestellt. […]»

Majestätsbeleidigung in der Schweiz?

Im schweizerischen Strafrecht ist mir kein direkt vergleichbarer Straftatbestand für den Bundespräsidenten (oder 2012 für Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf) bekannt. Art. 296 StGB, der die «Beleidigung eines fremden Staates» pönalisiert, bezieht sich nicht auf den schweizerischen Bundespräsidenten und betrifft nicht die persönliche Ehre der offiziellen Repräsentanten eines anderen Staates. Zwischen 1984 und 2010 kam es gemäss Bundesamt für Statistik (BFS, Microsoft Excel-Tabelle) zu keiner entsprechenden Verurteilung. Der Straftatbestand wurde in der Schweiz zuletzt Ende 2010 öffentlich wahrgenommen, weil Libyen – damals noch unter der Herrschaft von Muammar al-Gaddafi – um die Strafverfolgung gegen den Genfer Politiker Eric Stauffer ersucht hatte.

National- und Ständerat lehnten Ende 2011 eine Petition ab, die gefordert hatte, Art. 296 StGB sei aufzuheben. Die jeweiligen Kommissionen für Rechtsfragen legten dar, die Einschränkung der Meinungsäusserungsfreiheit – falls denn überhaupt eine solche gegeben sei – liege im überwiegenden öffentlichen Interesse zum Schutz der schweizerischen Aussenpolitik und sei insgesamt verhältnismässig. Keine Berücksichtigung fand dabei, dass der Strafbestand in den 1930er-Jahren entstand, als sich deutsche und italienische Faschisten an der Medienfreiheit in der Schweiz störten.

Majestätsbeleidigung vs. Meinungsfreiheit

Straftatbestände dieser Art werden vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in seiner …

» Vollständiger Artikel
  • Infos zum Artikel
  • Kommentare
  • Ähnliches
  • Links

Themen: Medien , Deutschland , Rechtsprechung , Beleidigung , Meinungsfreiheit , Schweiz , Egmr , Bild , Hannover , Telepolis , Christian Wulff , Kompa , Bundespräsident , Staatsoberhaupt , Europäischer Gerichtshof Für Menschenrechte , Rechtsetzung , Meinungsäusserungsfreiheit , Ehrverletzung , Verunglimpfung , Bettina Wulf , Eric Stauffer , Franz Zeller , Majestätsbeleidigung , Markus Kompa , Medialex , Stgb 296 , Stgb-de 90
Rechtsgebiet: Strafrecht

Erschienen 31. Dezember 2011 auf http://www.steigerlegal.ch.

Sie haben eine Meinung zum Thema? Artikels kommentieren
Artikel kommentieren

Wulff bei Präsidentenwahl im ersten Durchgang durchgefallen

Reuters | 30. Juni 2010 — Berlin (Reuters) - Der von Schwarz-Gelb nominierte Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, Christian Wulff, ist im e…

USA: Fahne verbrennen erlaubt

BERLIN BLAWG | 28. Juni 2006 — Spiegel Online berichtet über das Scheitern einer Initiative zur Änderung der US-Verfassung. Diese sollte einen Straftatbestand zu…

Prozess gegen Facebook User wegen Verunglimpfung des Bundespräsidenten

Presserecht aktuell | 30. Dezember 2011 — Am 11. Januar 2012 vor der Staatschutzkammer des LG Dresden ein Prozess gegen einen Facebook Nutzer wegen der Verunglimpfung de…

Verunglimpfung des Bundespräsidenten

Blog zum Medienrecht | 29. Dezember 2011 — § 90 StGB, die strafrechtlich erfasste Majestätsbeleidigung deutscher Staatsoberhäupter, hat eigentlich keine praktische Bede…

Bundesversammlung beginnt mit Wahl des Staatsoberhaupts

Reuters | 30. Juni 2010 — Berlin (Reuters) - Im Berliner Reichstagsgebäude hat am Mittwoch die Wahl des neuen Bundespräsidenten begonnen. Bundesta…

Bei Verunglimpfung des Bundespräsidenten droht Haft

Presserecht aktuell | 15. Januar 2012 — Bundespräsidenten Christian Wulff steht in der In der Kredit- und Medienaffäre unter Druck. Fast täglich kommt es fast täglich …

Bundesverfassungsgericht schützt Meinungsfreiheit von NPD-Vorstandsmitglied

RA Andreas Fischer | 20. Januar 2012 — Beschluss vom 28. November 2011 1 BvR 917/09 Zum Schutz der Meinungsfreiheit bei der strafrechtlichen Beurteilung von Meinungsäuße…

Meinungsfreiheit auch für Neonazis

Internet-Law | 21. Januar 2012 — Man darf das “BRD-System” als verkommen bezeichnen und im Hinblick auf den NS-Widerstandskämpfer Georg Elser die Ansicht vertre…

Gotteslästerung: Katholische Kirche vs. Meinungsfreiheit

Rechtsanwalt Martin Steiger | 15. November 2011 — Wie viel Meinungsfreiheit ist erlaubt? Darf man in Deutschland die Katholische Kirche als «Kinderficker-Sekte» bezeichnen – s…

“Schwarz-Rot-Senf” - BVerfG erneut zu Artikel 5 GG

Jurakopf | 28. Oktober 2008 — Eine erneut lesenswerte Entscheidung des BVerfG zum studienrelevanten Artikel 5 GG ist hier zu finden - mit AUsstrahlungswi…

Rechtsanwalt Markus Kompa - Blog zum Medienrecht - Blog zum Medienrecht
www.bundespraesident.de: Der Bundespräsident / Pressebilder
Wulff exhumiert Majestätsbeleidigung | Telepolis

Der Bundespräsident fühlt sich verunglimpft


Bundespräsident (Schweiz) – Wikipedia
SR 311.0 Art. 296 Beleidigung eines fremden Staates (Schweizerisches Strafgesetzbuch)
www.news.admin.ch - Beleidigung eines fremden Staates: Ermächtigung zur Strafverfolgung

Das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) hat im Einvernehmen mit dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) das Gesuch der Bundesanwaltschaft gutgeheissen, in dem diese um die Ermächtigung zur Strafverfolgung von Eric Stauffer wegen Beleidigung eines fremden Staates (gemäss Art. 296 des Strafgesetzbuchs) ersucht hatte. Eric Stauffer ist Präsident des Mouvement citoyens genevois (MCG).


11.2016 - Für eine echte Meinungsfreiheit in der Schweiz (Aufhebung von Art. 296 StGB) - Curia Vista - Geschäftsdatenbank - Die Bundesversammlung - Das Schweizer Parlament
Juristische Fakultät Uni Basel: Dr. iur. Franz Zeller