Verleumdung einer Institution
Jurabilis | 1. September 2008 — Kollege Tetzlaff verhöhnt den Einheitsjuristen als zum Tode verurteilt: Es ist an der Zeit für einen Realitätsabgleich. Und dana…
Vor kurzem macht ein Spiegel-Artikel über die nicht enden wollende Kontroverse zur Zukunft der Juristenausbildung die Runde. Inhaltlich ist jener Beitrag so aufregend wie eingeschlafene Füße, worauf schon der Kollege Klein hingewiesen hat. Darin wird die bayerische Justizministerin Beate Merk in bezug auf Reformvorschläge mit den Worten zitiert: Wir müssen alles tun, um das aufzuhalten. Bei den Kollegen jurabilis fand ich vorhin ebenfalls noch einen Eintrag zu dem Thema, in dem die Frage in den Vordergrund gestellt wird, wo denn für all die Bachelors ein Betätigungsfeld liegen soll, wenn man ihnen den Zugang zu den juristischen Berufen verweigern will. Auffällig an all dem ist: Die Argumente sind seit Jahr und Tag die gleichen und die Diskussion dreht sich im Kreis. Auch die energischsten Befürworter einer Reform werden nicht müde zu betonen, daß die bestehende Juristenausbildung qualitiativ Beachtliches leistet und sie deshalb auch im Ausland hohes Ansehen genießt. Wenn in dieser Situation die Anzahl derer zunimmt, die sozusagen die Messer wetzen, während - außer den üblichen Verdächtigen von Beate Merk über Heino Schöbel bis Peter Huber - niemand von Bedeutung ebenso plakativ für das bestehende System eintritt, ist das ein deutliches Zeichen. Es ist an der Zeit für einen Realitätsabgleich. Und danach sind zwei Entwicklungen für die nahe bis mittlere Zukunft absehbar: 1.) Es ist nicht mehr eine Frage des Ob, sondern nur des Wann, bis das Bachelor/Master-System in die Juristenausbildung einreitet und das bestehende System verdrängt. 2.) In Zukunft reicht der Bachelor, um als Anwalt praktizieren zu können. Die Forderungen nach einer Reform der Juristenausbildung von Seiten der Justizminister sind auf dem Hintergrund finanzieller Zwänge zu sehen. Das Prüfungswesen und die Referendarausbildung stehen auf der Abschußliste, weil sie den Staat eine Menge Geld kosten, das die verantwortlichen Ressortchefs entweder einsparen müssen oder gerne an anderer Stelle ausgeben würden. Deshalb sehen deren Vorschläge auch aus wie eine Sparbüchse. Fachliche oder didaktische Argumente spielen bei diesen Vorhaben dagegen keine Rolle, weswegen es auch müßig ist, auf dieser Ebene dagegen zu argumentieren. Was die Forderungen von Seiten der organisierten Anwaltschaft angeht, so sind sie maßgeblich von dem Wunsch motiviert, sich Konkurrenz vom Hals zu halten. Diese Aufgabe soll die Aufteilung auf Bachelor und Master übernehmen, indem nur der geringere Teil der Bachelors zum Masterstudiengang zugelassen wird. Der Master wiederum soll dann die Voraussetzung werden, um einen geregelten juristischen Beruf ergreifen zu können. Das ist ganz nett gedacht, zumal es politisch genügend Rückhalt dafür geben dürfte, um im nationalen Recht den Bachelor aus dem Anwaltsberuf herauszuhalten. So macht man dann aber die Rechnung ohne den Brüssel-Luxemburger Umweg: Wenn nämlich in anderen Mitgliedsstaaten der EU bereits der Bachelor eine Anwaltstätigkeit formal ermöglicht, dann wird das im Namen des einheitlichen Binnenmarktes auch in Deutschland erlaubt werden müssen, wenn man sich erst einmal auf ein strukturell vergleichbares Ausbildungssystem eingelassen hat. Alles andere, so das absehbare Argument, wäre ja eine Beeinträchtigung der Niederlassungs- und/oder Dienstleistungsfreiheit. Und schon haben wir mit dem Bachelor eine umfassende Berechtigung zum Berufszugang. Der Master bleibt damit im wesentlichen ein Nachweis gewisser Fremdsprachenkenntnisse und/oder ein Argument bei Gehaltsverhandlungen. Und mit all dem braucht man auch keinen Volljuristen mehr. Ich bewerte all dies nicht (zumindest nicht hier), sondern beschreibe nur eine künftige Entwicklung, die ich für sehr wahrscheinlich halte. Fazit: Es ist vorbei. Der Volljurist bisherigen Zuschnitts ist ein Dead Man Walking.
Bitte beachten Sie: Dieser Artikel ist nicht mehr im Original verfügbar.Erschienen 1. September 2008 auf http://www.sartorienfelder.de.
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