Der Spion
2008 hatte ich einen Beitrag zur RYAN-Krise von 1983 veröffentlicht, die von Experten als die kritischste Phase des Kalten Kriegs
gesehen wird. Aufgrund geheimdienstlichen Versagens von KGB und CIA glaubte die Sowjetführung an einen geplanten atomaren
Überraschungsangriff, die Reagan-Administration ahnte nichts von der Nervosität und intensivierte fröhlich das Säbelrasseln, das
leicht in einen fehlalarmbedingten Schlagabtausch hätte führen können.
Deutsche Mainstreammedien hatten damals diese riskante Episode des Kalten Kriegs ignoriert, obwohl es inzwischen eine (nicht
durchgehend recherchierte) BBC-Dokumentation (“A Brink of Apocalypse”) gab und die westlichen Geheimndienste ein Stück weit ihre
Erkenntnisse zugänglich gemacht hatten.
In diesem Drama spielte vor allem der NATO-Spion Rainer Rupp eine wesentliche Rolle, der alle NATO-Geheimnisse an die DDR und diese
an die Sowjets lieferte, um zu belegen, dass kein Überraschungsangriff geplant sei. Seit Jahren hatte ich mich um ein Interview mit
Rupp bemüht, das jedoch wegen und vollen
Terminkalendern erst Ende 2010 zustande kam, als ich den wohl hochkarätigsten Geheimagenten des Kalten Kriegs, Deckname TOPAS,
besuchen durfte. Die Nachbereitung seiner Informationen war aufwändiger als gedacht, vieles ordnet man als militärischer Laie falsch
ein, interpretiert kreativ usw. Aufgrund gegenseitiger Arbeitsüberlastung dauerte es bis vor wenigen Wochen, bis meine Serie über den
NATO-Spion fertig wurde. Heute hat TELEPOLIS den dritten Teil gebracht.
Der Krieg der Sterne
Das nukleare Gleichgewicht
War Games
In der Zwischenzeit hatte nun auch der Nation oberster Deuter der Geschichtsschreibung, Guido Knopp, endlich einen Film über diese
Beinahe-Globalkatastrophe gemacht, den das ZDF im April ausstrahlte. Grundsätzlich ist es verdienstvoll, dass auch die deutschen
Medien endlich die RYAN-Krise thematisieren. Doch Guido Knopp wäre nicht Guido Knopp, würde er nicht versuchen, die Geschichte im
Sinne von CDU-Wählern zu manipulieren.
Knopp macht Stanislav Petrov (Knopp nennt ihn “Wladimir”) zum Held der Geschichte, der bei einem Fehlalarm angeblich Befehle
missachtet und nicht faktisch den Befehl zum Gegenschlag gegeben hätte. So sehr ich die Leistung von Stanislav, den ich seit 2009 zu
meinen persönlichen Freunden zählen darf, ehre, so wenig stimmt Knopps Heldengemälde. Stanislav hat fünf von mit optischen Systemen
ausgestatteten Spionagesatelliten gemeldete Signale von Raketenstarts nicht zum Anlass genommen, der Militärführung einen US-Angriff
zu melden, sondern hat die Radarbestätigung abgewartet, die natürlich ausblieb. Ein Hysteriker hätte vielleicht den obersten Sowjet
zu einer Überreaktion veranlasst, denn der Gegenschlag war beschlossene Sache. <…
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