BGH: Zum Merkmal der Eigenmächtigkeit im Sinne von § 231 II StPO
RA Dr. Böttner | 9. Februar 2012 — Steuerhinterziehung / Freiheitsstrafe / Suizidversuch / Aussetzungsantrag / Schuldunfähigkeit BGH, Beschluss vom 25.07.2011,…
In einem umfangreichen Beschluss hat der 1. Strafsenat des BGH zur Eigenmächtigkeit i.S. von § 231 Abs. 2 StPO Stellung genommen. Der Leitsatz des für BGHSt bestimmten BGH, Beschl. v. 25.07.2011 – 1 StR 631/10 lautet – soweit hier von Interesse:
Eigenmächtigkeit des Entfernens im Sinne von § 231 Abs. 2 StPO kann vorliegen, wenn der Angeklagte aufgrund einer mittelgradigen depressiven Episode einen Suizidversuch unternimmt, der zu seiner Verhandlungsunfähigkeit führt.
Dazu führt der 1. Strafsenat dann u.a. aus:
4. Eigenmächtigkeit kann danach grundsätzlich auch dann gegeben sein, wenn der Angeklagte – wie hier – während laufender Hauptverhandlung einen Suizidversuch unternimmt (vgl. BGH, Urteil vom 26. Juli 1961 – 2 StR 575/60, BGHSt 16, 178; vom 19. Februar 2002 – 1 StR 546/01, NStZ 2002, 533). Für den von der Rechtsprechung herausgearbeiteten und vom Gesetzgeber übernommenen Begriff der Eigenmächtigkeit sind bei einem Suizidversuch während laufender Hauptverhandlung folgende Kriterien maßgebend: a) Der Angeklagte muss seine Verhandlungsunfähigkeit selbst herbeigeführt haben und dies muss ihm zuzurechnen sein. Dabei muss er vorsätzlich handeln und in Kenntnis des Umstandes, dass hierdurch die ordnungsmäßige Durchführung der Hauptverhandlung verhindert wird. Die Verhinderung der Hauptverhandlung muss allerdings nicht das Ziel des Angeklagten sein. Es ge-nügt, wenn er dies als notwendige Folge seines Verhaltens erkennt und damit will; eine Boykottabsicht ist demnach nicht erforderlich. b) Zu diesen Kriterien muss hinzukommen, dass der Angeklagte “schuldhaft” handelt. Das in § 231a Abs. 1 Satz 1 StPO genannte Merkmal “schuldhaft” gilt nach dem Vorstehenden in gleicher Weise für das Verständnis des ungeschriebenen Merkmals “Eigenmächtigkeit” in § 231 StPO. Den Begriff “schuldhaft” verwendet die Strafprozessordnung auch in § 464c StPO (Säumnis des Angeschuldigten und Dolmetscherauslagen). Vergleichbare Merkmale finden sich etwa in § 230 StPO (Vorführung oder Haftbefehl, wenn der ausgebliebene Angeklagte “nicht genügend entschuldigt” ist) und in § 51 Abs. 2 StPO (Ausbleiben des Zeugen); vgl. auch § 44 StPO. Auch wenn es bei den Vorschriften der §§ 51, 230 und § 464c StPO um Fälle der Säumnis geht, ist der Senat doch der Ansicht, dass das dortige Begriffsverständnis von “schuldhaft” jedenfalls auf Fälle der vorliegenden Art nicht übertragbar ist. c) Für Fälle der vorliegenden Art erscheint dem Senat eine Konturierung des Merkmals “schuldhaft” anhand der Eingangsmerkmale der §§ 20, 21 StGB besser geeignet (vgl. Meyer-Goßner, StPO, 54. Aufl., § 231a Rn. 8). Freilich spricht die amtliche Überschrift der §§ 20, 21 StGB von “Schuldunfähigkeit” bzw. “Schuldfähigkeit”. Das sind materiell-rechtliche Begriffe, die mit dem in der Strafprozessordnung verwendeten verfahrensrechtlichen Merkmal “schuldhaft” nicht deckungsgleich sind (vgl. BGH, Urteil vom 26. Juli 1961 – 2 StR 575/60, …
» Vollständiger ArtikelErschienen 29. August 2011 auf http://blog.strafrecht-online.de.
RA Dr. Böttner | 9. Februar 2012 — Steuerhinterziehung / Freiheitsstrafe / Suizidversuch / Aussetzungsantrag / Schuldunfähigkeit BGH, Beschluss vom 25.07.2011,…
Heymanns Strafrecht Online Blog | 28. Oktober 2011 — Auf die Rüge muss man erst mal kommen: Der Angeklagte ist zur Berufungshauptverhandlung unentschuldigt nicht erschienen. Deshal…
strafrechtsblogger | 4. November 2009 — Laut Bericht von Focus-Online und der taz aus Berlin wurden in Italien mehrere CIA Agenten in Abwesenheit zu mehrjährigen Fre…
Heymanns Strafrecht Online Blog | 29. März 2012 — Folgender Sachverhalt: Der Amtsrichter verkündet in der Hauptverhandlung am 23. 12. 2010 einen Beschluss, mit dem die Hauptve…
Rechtsanwalt Achim Flauaus | 27. Mai 2011 — Das Strafbefehlsverfahren ermöglicht es dem Angeklagten, nach Einspruchseinlegung frei darüber zu entscheiden, ob er an der H…
Heymanns Strafrecht Online Blog | 27. November 2010 — Das OLG Celle, Beschl. v. 16.09.2010 – 2 Ws 312/10 – ob § 146 StPO – Verbot der Mehrfachverteidigung – auch für den Fall eine…
beck-blog | 17. November 2011 — Der Angeklagte hatte nach seiner Verurteilung Revision eingelegt und dann mitteilen lassen, er sei geflüchtet halte sich im …
Heymanns Strafrecht Online Blog | 23. März 2011 — Im Zusammenhang mit der der (zeitweisen) Entfernung des Angeklagten aus der Hauptverhandlung (§ 247 StPO) kommt es häufig zu …
Heymanns Strafrecht Online Blog | 2. Dezember 2011 — Die Verlesung von Urkunden in der Hauptverhandlung berührt, wenn es sich um ärztliche Atteste handelt, den Unmittelbarkeitsgr…
strafrechtsblogger | 2. Mai 2011 — Ein Gastbeitrag von Nika Telysheva, Jurastudentin an der Freien Universität Berlin Teil 2 Es besteht die Möglichkeit ohne d…