Der Amoklauf von Emsdetten wirft viele Fragen auf
am 20.11.2006 von strafblog
Topthema des Tages ist in allen deutschen Onlineausgaben der Zeitungen und Nachrichtenmagazine natürlich der Amoklauf von Emsdetten, bei dem 18-Jähriger schwerbewaffnet und mit Sprengsätzen verdrahtet in eine Realschule eingedrungen ist und neuesten Zahlen zufolge - so berichtet es jedenfalls volksstimme.de - 37 Personen mit Schüssen zum Teil schwer verletzt hat, bevor er selbst ums Leben kam. Es sieht so aus, als ob der Ex-Schüler sich selbst getötet hat. Die Polizei jedenfalls will nicht auf ihn geschossen haben. 13 Rohrbomben und 4 Gewehre soll der als Waffennarr bezeichnete Amokschütze bei sich getragen haben, angeblich war er mit einer Gasmaske getarnt. SPIEGEL-ONLINE berichtet, dass der Täter am Abend vor der Tat noch 4 Videos ins Internet stellte, mit denen er die Tat indirekt ankündigte, darunter ein brutaler, selbstgezeichneter Comic. Der Code der Tat ähnele demjenigen von Littleton und Erfurt.
Es macht keinen Sinn, an dieser Stelle auf die zahlreichen inzwischen bekannt gewordenen Details der Tat einzugehen, dazu kann man in den Medien in den nächsten Tagen noch genug lesen. Wichtiger ist die Frage, wie solche Taten in den Köpfen der Täter entstehen, welchen sozialen und psychischen Bedingungen sie entspringen und wie man fatale Entwicklungen bei potenziellen Tätern frühzeitig erkennen und vielleicht gegensteuern kann.
Ein Sonderling soll der 18-Jährige gewesen sein, der 2 Klassen wiederholte und sich von Mitschülern und Lehrern missverstanden fühlte, der viele Stunden vor dem Computer zubrachte und als Ausgleich hierzu mit Softair-Waffen hantierte. Brutale Videos und Computerspiele haben ihn fasziniert, heißt es, ein soziales Zusammengehörigkeitsgefühl habe er mit anderen Softair-Waffen-Fanatikern entwickelt, seine Wut und Hilflosigkeit habe er schon frühzeitig im Internet artikuliert. Im Forum einer psychologischen Beratung soll er schon 2004 nach einer längeren Klage über seine schulische Situation geschrieben haben: Für die, die es noch nicht genau verstanden haben: Ja, es geht hier um Amoklauf! Ich weiß selber nicht woran ich bin, ich weiß nicht mehr weiter, bitte helft mir.
Es gab andere sichtbare Alarmzeichen, die scheinbar niemand in ihrer ganzen Brisanz erkannt hat. So ging er wie auch Robert Steinhäuser, der Attentäter von Erfurt, stets in Schwarz gekleidet und spielte laut stern.de wie dieser exzessiv das Ego-Shooter-Spiel Counterstrike. Im Internet posierte er mit Gewehren und einer Maschinenpistole. Ich hasse euch und eure Art! Ihr müsst alle Sterben. Ich habe mir Rache geschworen! Diese Rache wird so brutal und rücksichtlos ausgeführt werden, dass euch das Blut in den Adern gefriert. Bevor ich gehe, werde ich euch einen Denkzettel verpassen, damit mich nie wieder ein Mensch vergisst!, hieß es auf der inzwischen gesperrten Seite, die nach Angaben von Mitschülern dem Täter gehörte, schreibt stern.de.
Schon gibt es erste Reaktionen von Politikern und angeblichen Experten, was sich in Zukunft ändern muss. Der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz sprach sich für ein Verbot Gewalt verherrlichender Computerspiele aus. Gleiches forderte der Jugendforscher Klaus Hurrelmann im Bayerischen Rundfunk. Andere Experten verlangten ein Frühwarnsystem und dauerhafte psychologische Betreuung an Schulen.
Ich denke, jetzt muss erst einmal sorgfältig analysiert werden. Der Schrei nach Verboten ist immer das Leichteste, aber man muss auch die Folgen einer Prohibition bedenken, die Gefahren einer sich daraus entwickelnden Subkultur, das Zusammengehörigkeitsfühl der Regelbrecher, die die Verbote doch nicht akzeptieren werden. Das Internet ist kaum kontrollierbar und wer sich Gewaltspiele herunterladen will, der lässt sich von Verboten wohl kaum abhalten, denke ich.
Tragisch ist das Geschehene auch für die Eltern des Amokläufers. Sein Vater ist Presseberichten zufolge zusammengebrochen, nachdem er hiervon erfahren hat und liegt auf der Intesivstation eines Krankenhauses. Die Mutter soll inzwischen ebenfalls mit einem Schock ins Krankenhaus gekommen sein.
Man wird noch viel nachzudenken haben, Lösungen liegen nicht auf dem Präsentierteller.
Autor: RA Rainer Pohlen
Kanzlei POHLEN + MEISTER
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