Das Usenet stirbt - Film um 11

Zum Jahresabschluß einige bedenkliche Worte über ein ganz anderes Medium als das WWW. Im Usenet gehörte es noch vor einiger Zeit dazu, daß alle paar Monate jemand ankam und das rasche Absterben des Netzes vorhersagte. Aus diesen Prognosen entwickelte sich der Spruch “imminent death of the net predicted - film @ 11”; eine Verballhornung von Nachrichten-Häppchen (nach der Art “das hier ist brandaktuell - sie sehen es in den 11-Uhr-Nachrichten”) auf diversen Fernsehkanälen. Wie man der Gruppe de.comm.provider.usenet entnehmen kann, scheint zum Jahresende aber tatsächlich ein kleines Newsserversterben einzusetzen. Die Gründe sind nicht allein die Kosten, die ein Newsserver verursacht (obgleich dieser Faktor in der Diskussion manchmal vernachlässigt wird), sondern, daß es keine Nachfrage von Seiten der Kundschaft gibt oder daß einfach keiner mehr da ist, der sich mit der Software auskennt und den Server betreuen könnte. Wenn man daran denkt, daß manche Newsserver gewiß auf Autopilot laufen, also nicht aktiv administriert werden, dann dürften da noch einige unerfreuliche Überraschungen lauern, falls dort mal ein Hardwaredefekt oder ähnliches auftritt. Gewiß, es sind auch neue Server in Betrieb gegangen, aber ob es sich dabei um stabile Erscheinungen und nicht bloß eine vorübergehende Liebhaberei handelt, steht in den Sternen - man wird es sehen, falls der eine oder andere Betreiber rechtliche Schwierigkeiten bekommt. Auch wenn ich das keinem wünsche. Dadurch wird das Usenet nicht gleich absterben, und es gibt auch noch genug sehr stark frequentierte Gruppen. Aber es zeigt doch eine Tendenz, die ich an anderer Stelle schon seit längerem beobachte: Es kommt nichts mehr nach. Das Netz, mindestens de.ALL schmort schon seit mehreren Jahren in seinem eigenen Saft. Dauerhaft bleibende Neuzugänge, wie es sie vor ein paar Jahren noch reichlich gegeben hat, kann man kaum noch beobachten. Schade, daß sich bei der in de.comm.provider.usenet nun eintretenden Ursachenforschung dieselben doktrinären Verhärtungen abzeichnen, wie sie seit langem zu beobachten sind (und derentwegen ich mich an solchen Debatten seit langem nicht mehr beteilige). Die einen schimpfen über die oberflächliche Jugend von heute, die keinen geraden Satz mehr herausbringe, die anderen darüber, daß es im Usenet und unter den Regulars keinen Raum für neue Ideen gebe. Beide haben nun auf ihre Art Recht und Unrecht. Generelle Aussagen über die inhaltliche Tiefe der Beiträge lassen sich nicht treffen. Nicht jedes Webforum gleicht jenem von heise.de, nicht jede Newsgroup hat einen Informationswert wie de.comm.software.newsserver (zum Beispiel); und jeder, der beides schon einmal gesehen hat, weiß das auch. Gewiß sind Kommunikationsgewohnheiten in Webforen oder gar über ein Ultrakurztext-Medium wie SMS ganz andere, als sie das Usenet voraussetzt und gestattet. Und wer ein für sich passendes Webforum gefunden hat - was angesichts der Verbreitung des WWW aufs ganze gesehen schneller geschehen dürfte als das Auffinden einer Newsgroup, die auch gelesen wird -, wir dort auch bleiben. Ob sich andererseits das Sozialverhalten in Webforen von dem in Newsgroups tatsächlich so sehr unterscheidet, scheint mir zweifelhaft. Auch in Webforen gibt es mehr als genug Leute, die sich nicht zu benehmen wissen oder Neulinge als Freiwild ansehen. Das ist alles andere als eine Domäne des Usenet. Und so richtig es ist, daß man auf neue Ideen, die sich hauptsächlich im Ausleben destruktiver Absichten erschöpfen (auch wenn man sie als “Querdenken” verniedlicht), so wenig wird man mich davon überzeugen, daß das schon beinahe feindselige Abblocken von Einrichtungsvorschlägen mit immer weiter hochgeschraubten Anforderungen in den admin-Gruppen keinerlei Auswirkungen auf die Leserschaft hat. Da könnte man mehr erreichen, wenn man mehr zuließe und nicht die Einrichtung neuer Gruppen als Betriebsunfall ansähe. Da war man vor Jahren schon wesentlich weiter als heute. Doch ein Umdenken in dieser Art scheint bedauerlicherweise nicht anzustehen. Und so scheinen die News langsam aber sicher zu einer Art Dinosaurier des Netzes zu werden. Na dann - gutes Neues!

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Erschienen 30. Dezember 2006 auf http://www.sartorienfelder.de.

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