Alle Blogs » Bundesverfassungsgericht: 30 Jahre Haft können verfassungsgemäß sein

Bundesverfassungsgericht: 30 Jahre Haft können verfassungsgemäß sein

am 01.12.2006 von http://www.strafblog.de

Laut tagesschau.de hat das Bundesverfassungsgericht die Verfassungsbeschwerden von 2 langzeitinhaftierten Sexualstraftätern verworfen, die inzwischen 62 und 66 Jahre alt sind und wegen sexuell motivierter Morde seit 32 bzw. sogar 34 Jahren inhaftiert sind.

Beide hatten geltend gemacht, die außerordentlich lange Haft verstöße gegen ihre Menschenwürde. Unter normalen Voraussetzungen können zu lebenslanger Freiheitsstrafe Verurteilte nach 15 Jahren mit einer bedingten Haftentlassung rechnen, wenn nicht die besondere Schuldschwere bejaht wurde. Aber auch denn muss regelmäßig überprüft werden, ob eine Haftentlassung in Betracht kommt.

Einer der beiden Beschwerdeführer ist schon seit 13 Jahren Freigänger mit Urlaub und einer freien Arbeitsstelle. Das OLG Koblenz hat eine Strafaussetzung zur Bewährung bislang aber abgelehnt, weil der Mann darauf beharre, unschuldig zu sein und sich folglich nicht hinreichend mit seiner Tat auseinander setze. Dies begründe im Hinblick auf die Rückfallgefahr ein Restrisiko.

Der Andere war vorübergehend in den offenen Vollzug verlegt worden, hatte aber bereits am ersten Tag seiner Beschäftigung außerhalb der JVA Kontakt zu einem 13-jährigen Mädchen aufgenommen und diesem intime Fragen gestellt. Er war daraufhin wieder in den geschlossenen Vollzug verlegt worden.

Der Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichts stellt in seiner die Beschwerden verwerfenden Entscheidung fest, dass sowohl die Gesetze als auch die konkreten Entscheidungen der Gerichte verfassungsgemäß sind. Bestünden konkrete Anhaltspunkte dafür, dass der Verurteilte ein neues schweres Verbrechen begehen werde, so komme eine Aussetzung nicht in Betracht. Allerdings müsse bei einer Haftdauer von mehr als 20 Jahren regelmäßig besonders sorgfältig überprüft werden, ob und unter welchen Voraussetzungen eine Haftentlassung erfolgen könne. Hierzu müsse ein erfahrener Sachverständiger hinzu gezogen werden, der ein zeitnahes Gutachten zu erstellen habe. Auch sei dem Verurteilten ein Pflichtverteidiger beizuordnen. Das zuständige Gericht müsse seine Entscheidung sorgfältig und konkret begründen. Weiter müsse geprüft werden, ob ein über Jahrzehnte Inhaftierter Vergünstigungen im Strafvollzug erhalten könne, um für den Verurteilten einen Rest an Lebensqualität zu gewährleisten (Aktenzeichen: 2 BvR 578/02 und 796/02).

Rekordhalter unter den in Deutschland Inhaftierten ist laut tagesschau.de der 70-jährige vierfache Frauenmörder Heinrich P. Dieser sitze seit 47 Jahren in Baden-Württemberg ein und gelte immer noch als rückfallgefährdet.

Autor: RA Rainer Pohlen

Kanzlei POHLEN + MEISTER

« »
Kommentar schreiben




Bundesverfassungsgericht: IMSI-Catcher verfassungsgemäß

strafblog / Mit Beschluss vom 22.8.2006 - 2 BvR 1345/03 - hat das Bundesverassungsgericht den Einsatz sogenannter IMSI-Catcher zu Zwecken der Strafverfolgung für verfassungsgemäß erklärt und die hiergegen gerichteten Verfassungsbeschwerden mehrerer Beschwerd…

Auch 30 Jahre Haft sind in Ordnung

Knastblog / In Deutschland können Mörder nicht unbedingt darauf hoffen, nach 15 oder - bei besonderer Schwere der Schuld - nach 20 Jahren aus der Haft entlassen zu werden. Das Bundesverfassungsgericht verwarf jetzt die Beschwerden zweier Männer, die seit mehr…

Verfassungsgericht konkretisiert Beurteilungsspielraum bei Antrag auf Verlegung in heimatnahe JVA

strafblog / Das Bundesverfassungsgericht hat der Verfassungsbeschwerde eines zu lebenslanger Haft verurteilten Strafgefangenen stattgegeben, der seine Verlegung von einer Haftanstalt in Bayern nach Sachsen beantragt hatte, wo seine Verlobte und der größte Teil…

Mandant zerschießt sich selbst die günstige Legalprognose

strafblog / Es gibt kein größer Leid, als wat der Mensch sich selbst andeit lautet ein rheinisches Sprichwort, welches gerade mal wieder seine Bestätigung gefunden hat. Da stelle ich vor geraumer Zeit für einen vielfach vorbestraften Mandanten, der gerade ei…

Motassadeq hat Verfassungsbeschwerde eingelegt

strafblog / Der im Zusammenhang mit den Attentaten des 11.9.2001 wegen Beihilfe zum Mord in 246 Fällen verurteilte Mounir al Motassadeq hat über seine Anwälte Verfassungsbeschwerde gegen die Urteile des Bundesgerichtshofs und des Haneatischen OLG eingelegt, b…

15 JAHRE

LawBlog / Meine erste Begegnung mit dem Mordparagrafen ist erfolgreich verlaufen. Die Strafvollstreckungskammer eines Landgerichts hat den Antrag der Staatsanwaltschaft auf Feststellung der besonderen Schwere der Schuld zurückgewiesen. Dies hätte möglicher…

Anspruch auf Ladung in den offenen Vollzug

strafblog / Das Oberlandesgericht Frankfurt hat dem Antrag eines rechtskräftig verurteilten Mannes auf gerichtliche Entscheidung gegen die Versagung einer Ladung in den offenen Strafvollzug stattgegeben und die Vollstreckungsbehörde verpflichtet, den Beschwerd…

» Suche in den JuraBlogs

Automatisch übernommen von:

POHLEN + MEISTER

Weblog unserer Kanzlei für Strafrecht und Verkehrsrecht

Das Blog des Autors ist temporär nicht erreichbar.

» Aktuell in den Lawblogs

» Top-Meldungen

» TOP-Meldungen per E-Mail

Infos zum kostenlosen Service »