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Biochemische Ursachen der Sucht - Wie frei ist der Mensch in seiner Willensbildung?

am 15.06.2006 von http://www.strafblog.de

Seit Jahren beschäftigen sich Psychologie und Hirnforschung mit teilweise sehr unterschiedlichen Ansätzen immer wieder mit der Frage, wie frei der Mensch wirklich in seiner Willensbildung ist und ob der strafrechtliche Begriff der Schuld überhaupt noch zeitgemäß ist. Im Frühjahr 2005 fand in Frankfurt ein interdisziplinäres Symposium statt, bei welchem die Hirnforscher überwiegend zu dem Ergebnis kamen, dass der Mensch keineswegs über einen freien Willen verfüge und letztlich in seinem Verhalten von hirnphysiologischen und biochemischen Prozessen abhänge, die er kognitiv kaum steuern könne. Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun., wurde der Psychologe Wolfgang Prinz, Direktor am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in München, damals in einem bei thieme.de wiedergegebenen Beitrag der ÄRZTEZEITUNG zitiert. Dies sei mittels hirnphysiologischer Experimente bewiesen, welche ergeben hätten, dass vor jeder Handlung ein Hirnprozess physiologisch nachweisbar ist.


focus-online beschäftigt sich in einem Beitrag vom 14.6.2006 mit der Frage, welche Ursachen die Abhängigkeit der Menschen von Drogen, Alkohol oder Nikotin haben und warum viele von ihrer Sucht einfach nicht loskommen. Es seien vor allem biochemische Prozesse im Gehirn, die den Willen zum Verzicht untergraben. Im Journal of Neuroscience seien Untersuchungsergebnisse des Brookhaven National Laboratory veröffentlicht, aus denen sich ergebe, dass beim Konsum aller abhängig machenden Drogen der Dopaminpegel in bestimmten Hirnregionen auffallend erhöht werde. Dieser chemische Botenstoff erzeuge Wohlbefinden in einer bestimmten Hirnregion, dem so genannten Belohnungszentrum. „Diese ist die zentrale Stelle, an der die Sucht entsteht“, wird die Studienleiterin Nora Volkow zitiert. Dopamin werde auch dann freigesetzt, wenn drogenerfahrene Probanden mit Videomaterial konfrontiert würden, welches zum Beispiel die Einnahme und den Kauf der Droge darstellten. Während der gezeigten Kokain-Szenen sei der Dopaminspiegel im so genannten dorsalen Striatum der Teilnehmer angestiegen. Dieser Bereich gehöre zum Belohnungszentrum und sei an der Entstehung von Verlangen und Motivation beteiligt. Dabei habe der Dopaminspiegel dem Verlangen nach der Droge, das die Teilnehmer protokollierten, entsprochen. Je stärker die Versuchteilnehmer abhängig waren, desto größer sei auch ihre Gier nach Koks und desto höher ihr Dopaminspiegel im Belohnungszentrum gewesen.

„Die Studie zeigt, dass Drogensucht nach den selben biochemischen Mustern abläuft wie die Prozesse, die zur Nahrungssuche motivieren“, fügt Nora Volkow erklärend hinzu.

Festzustehen scheint anderen Erkenntnissen zufolge auch, dass Menschen aufgrund ihrer genetischen Veranlagung über unterschiedlich hohe Suchtpotenziale verfügen. Für denjenigen, der nur ein geringes Suchtpotenzial aufweist, ist es ein Leichtes, dem Süchtigen ein Verzichtverhalten abzuverlangen. So, wie der heterosexuell veranlagte Mensch dem homosexuellen oft nur allzugerne dessen sexuelle Devianz vorhält, die angeblich naturwidrig sei. Dabei ist es anscheinend die Natur, die Suchtverhalten oder sexuelle Orientierung weitgehend bestimmt. Und dann stellt sich fast zwangsläufig die Frage nach der individuellen Schuld des Süchtigen, wenn er mal wieder rückfällig wird. Ein schwieriges Thema, mit dem ich mich als Strafverteidiger seit Jahren immer wieder befasse und welches ich im Rahmen von Strafverfahren wiederholt thematisiert habe, ohne bislang zu wirklich sicheren Erkenntnissen gelangt zu sein. Aber bisweilen trägt die Diskussion des Themas dazu bei, bei Gerichten und Staatsanwälten Denkprozesse zu fördern und manche Tat in milderem Licht zu sehen. Und das ist ja immerhin auch schon etwas.


Autor: RA Rainer Pohlen

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