BGH: Absichtliche Missverständnisse und unbearbeitete Widerrufsanzeigen bei Telefonanbietern (Preselection II)

BGH, Urteil vom 5. Februar 2009 – I ZR 119/06 – Langsam kommen Fälle des Telekommunikationsrechts bis zu den obersten deutschen Gerichten. Tatsächlich sind die in der Branche verwendeten AGB und erst recht die Praxis der TK-Unternehmen rechtswidrig und verstoßen vielfach gegen das Telekommunikationsgesetz (TKG). Die Verbraucherzentralen verfolgen zutreffender Weise die Verstöße, denn hinter einigen bekannten Fällen, staut sich ein Berg gleichartiger Verstöße und rechtswidrig abgespeister Kunden. Aufgrund der meist geringen Streitwerte kommen diese Verfahren aber meist nur zu den obersten Gerichten, wenn – wie hier – Wettbewerber oder – sonst – die Verbraucherzentralen den Rechtsstreit führen.

Red. Leitsätze:

Das Berufungsgericht hat rechtsfehlerfrei angenommen, dass sich das Verhalten der Beklagten nicht als bloße Vertragsverletzung gegenüber dem Kunden ohne unmittelbare Auswirkungen auf den Wettbewerb darstellt, sondern dadurch objektiv die Klägerin als Mitbewerberin geschädigt und der Absatz des eigenen Unternehmens der Beklagten gefördert worden ist. Durch die bewusste Voreinstellung des Telefonanschlusses für alle Gespräche auf die Beklagte hat diese erreicht, dass der Kunde bei der Wahl von Fernverbindungen über seinen Telefonanschluss in Unkenntnis der tatsächlich entgegen dem von ihm erteilten Auftrag vorgenommenen Voreinstellung Dienstleistungen der Beklagten in Anspruch genommen hat. Das Ausspannen und Abfangen von Kunden ist jedoch wettbewerbswidrig, wenn besondere, die Unlauterkeit begründende Umstände hinzutreten. Eine unlautere Behinderung des Mitbewerbers ist gegeben, wenn auf Kunden, die bereits dem Wettbewerber zuzurechnen sind, in unangemessener Weise eingewirkt wird, um sie als eigene Kunden zu gewinnen oder zu erhalten.

Rechtsanwalt Siegfried Exner, Kiel – www.jur-blog.de

BGH, Urteil vom 05.02.2009, Az. I ZR 119/06 – Änderung der Voreinstellung (Preselection) II

Amtl. Leitsatz: Wer den Auftrag eines Kunden, eine Telekommunikationsdienstleistung (hier: Voreinstellung des Telefonanschlusses) in der Weise zu erbringen, dass (auch) Telekommunikationsdienstleistungen eines anderen Anbieters in Anspruch genommen werden können, auftragswidrig bewusst so ausführt, dass nicht die Dienstleistungen des anderen Anbieters, sondern (nur) die eigenen in Anspruch genommen werden, behindert den Mitbewerber unlauter. §§ 3, 4 Nr. 10 UWG

Tenor

Die Revision gegen das Urteil des 6. Zivilsenats des Oberlandesgerichts Köln vom 24. Mai 2006 wird auf Kosten der Beklagten zurückgewiesen.

Sachverhalt

Die Parteien sind Wettbewerber im Bereich der Telekommunikationsdienstleistungen. Die Klägerin betreibt ein Telekommunikationsnetz, das keine Teilnehmeranschlüsse aufweist, sondern lediglich Teilnehmernetze miteinander verbindet (Verbindungsnetzbetreiber). Die Beklagte, die Deutsche Telekom AG, betreibt ein Telekommuni…

» Vollständiger Artikel
  • Infos zum Artikel
  • Kommentare
  • Ähnliches

Themen: Verbraucherschutz , Urteile , Telekommunikation , Bgh , Köln , Telefon , Tkg , Unterlassung , Provider-recht , Preselection
Rechtsgebiet: Wettbewerbsrecht

Erschienen 17. August 2009 auf http://www.jur-blog.de.

Sie haben eine Meinung zum Thema? Artikels kommentieren
Artikel kommentieren

BGH: DTAG muss Preselection zum Wettbewerber ändern ("Slamming")

beck-blog | 6. August 2009 — Heise berichtet heute über ein wohl schon ein paar Wochen zurückliegendes BGH-Urteil zum Thema "slamming" - ein Problem, das …

OLG Köln: Eine eigenmächtige Preselection-Einstellung beim Verbraucher durch Telefonunternehmen ist wettbewerbswidrig

Dr. Damm & Partner Rechtsanwälte | 20. Januar 2010 — OLG Köln, Urteil vom 08.01.2010, Az. 6 U 106/09 §§ 3; 4 Nr. 10; 8 Abs. 1 und 3 Nr. 1 UWG Das OLG Köln hat in diesem Urteil …

LG Bonn: Unlautere Einflussnahme auf Kunden der Konkurrenz ist wettbewerbswidrig / Die “vorsorgliche Konto-Abbuchung”

Dr. Damm & Partner Rechtsanwälte | 14. Dezember 2009Landgericht Bonn, Urteil vom 10.11.2009, Az. 11 O 150/08 §§ 3; 4 Nr. 10; 8; 11 UWG Das LG Bonn hat wenig überraschend entsc…

Preselection

Handakte WebLAWg | 11. Januar 2007 — Ein marktbeherrschender Betreiber eines Teilnehmernetzes darf die Voreinstellung eines Telefonkundenanschlusses auf das Verbind…

BGH: Keine Unlauterkeit bei fahrlässiger Verletzung von Vertragspflichten im Massengeschäft - Urt. vom 29.03.2007, Az. I ZR 164/04…

Wettbewerbsrecht-Blog.de | 26. September 2007 — Es liegt keine unlautere Behinderung eines Mitbewerbers vor, wenn ein etablierter Telefonnetzbetreiber den Telefonanschluss ein…

BGH: Tiefstpreisgarantie ist zulässig - “Wir garantieren Ihnen einen Preis, der 13% unter jedem Mitbewerber-Angebot liegt

Dr. Damm & Partner Rechtsanwälte | 22. März 2009 — BGH, URteil vom 02.10.2008, Az. I ZR 48/06 §§ 3, 4 Nr. 10 UWG Der BGH hat in Ergänzung zu BGH, Urteil vom 30.03.2006, Az. I…

OLG Frankfurt a.M.: Fast identische Service-Rufnummern - Die Verwendung einer Service-Rufnummer, die mit der eines Mitbewerbers na…

MEDIEN INTERNET und RECHT | 12. Februar 2009 — 1. Für das Vorliegen einer gezielten Behinderung des Mitbewerbers durch Einwirkung auf (potentielle) Kunden ist entscheidend, ob s…

BGH: Keine unlautere Behinderung des Mitbewerbers durch Ausspähen von öffentlichen Plätzen

Dr. Damm & Partner Rechtsanwälte | 12. Oktober 2009 — BGH, Urteil vom 16.07.2009, Az. I ZR 56/07 §§ 3, 4 Nr. 10 UWG Der BGH hat darauf hingewiesen, dass das Beobachten des Betri…

BGH: Telekom hat Konkurrenten bei Preselection gezielt behindert

Internet-Law | 6. August 2009 — Der BGH hatte über die Frage einer wettbewerbswidrigen Behinderung eines Mitbewerbers durch die Deutsche Telekom bei der Voreinste…

OLG Köln: "Switch & Profit" - Zur Konkurrentenbehinderung durch einen Telefontarif bei dem die bestehende Verpflichtung, dem K…

MEDIEN INTERNET und RECHT | 12. November 2007 — 1. Voraussetzung eines unlauteren Behinderungswettbewerbs ist die Beeinträchtigung der wettbewerblichen Entfaltungsmöglichkeiten d…