Besuchstag im Knast - Jeder empfindet die Haft anders

Glücklich sind wohl die wenigsten Mandanten, die man als Verteidiger im Knast besucht, aber trotzdem reagiert jeder Gefangene unterschiedlich auf die Haftsituation. Heute morgen habe ich 3 in Untersuchungshaft befindliche Mandanten aufgesucht und ihren Casus nebst der daran hängenden Probleme mit ihnen erörtert. Einer von ihnen hat schon viele Jahre Knasterfahrung auf dem Buckel, ihn kann nichts mehr so richtig erschüttern. Erstinstanzlich ist er bereits wegen eines Drogendelikts verurteilt worden, Rechtsmittel habe ich nur pro forma eingelegt, damit er vor Antritt einer beantragten Therapie nicht noch in eine andere Haftanstalt verlegt wird. Vor 2 Wochen ist der Mann allerdings dabei ertappt worden, wie ihm eine Besucherin ein paar Gramm Heroin übergeben wollte, jetzt ist gegen beide ein weiteres Ermittlungsverfahren eingeleitet worden. Ich hoffe, dass die Staatsanwaltschaft das nicht zum Anlass nimmt, ihm die Therapie zu verweigern, der Vorfall zeigt ja gerade, dass der Mann von seiner Sucht ohne therapeutische Hilfe nicht loskommt. "Da machste nix dran", lautete sein lapidarer Kommentar, aber die Therapie will er unbedingt machen, jetzt erst recht. Ein anderer Mandant wartet auf die Hauptverhandlung wegen Bandendiebstahls. Er ist noch jung und zum ersten Mal im Knast, aber er ist erstaunlich realistisch. Er weiß, dass er Mist gebaut hat und hadert nicht mit der Haftsituation. Vielleicht ist eine Bewährung drin, die erlittene Untersuchungshaft und die damit verbundenen Einsichten könnten das Gericht milde stimmen. Das sieht er ein und ist geduldig genug, die Hauptverhandlung abzuwarten. Nie wieder will er in den Knast, das war ihm jetzt schon ein Lehre, sagt er. Gut so! Der dritte Mandant ist schon im ziemlich fortgeschrittenen Alter und erstmals in Haft. Er ist aus dem Ausland nach Deutschland ausgeliefert worden und hat im Falle einer Verurteilung eine erhebliche Strafe zu erwarten. Er ist nicht besonders gut drauf, hält sich aber. Die Beweislage ist bis jetzt recht miserabel, aber ich habe einige Recherchen angestellt und Ermittlungsansätze für Entlastungsbeweise gefunden, die Anlass zur Hoffnung geben. Das freut ihn, auch wenn ich vor jeglicher Euphorie warne. Jetzt ist erst einmal die Staatsanwaltschaft gefragt, die von mir mit Beweisanregungen versorgt worden ist. Ein Haftprüfungsantrag kommt erst in Betracht, wenn die durchzuführenden Ermittlungen zu einem positiven Ergebnis führen sollten. Wie fast immer nach Besuchen im Gefängnis empfinde ich es fast als angenehmen Luxus, auf freiem Fuß zu sein. Autor: RA Rainer Pohlen Kanzlei POHLEN + MEISTER

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Themen: Haft , Knast

Erschienen 5. Februar 2007 auf http://www.strafblog.de.

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