Auswahlverschulden

Im Foyer der Juristischen Fakultät ist seit einiger Zeit eine Sitzgruppe installiert, damit kreative Studenten nicht weiter Tische als Sitzgelegenheiten heranzaubern. Die Sitzgruppe erfreut sich auch großer Beliebtheit (steht sie doch in Schlagweite zum Kaffeeautomat). So auch heute, wo ein herausragender Vertreter seiner Art, ein männlicher Jurastudent im fortgeschrittenen Semester mit Ambitionen, eine junge und sehr blonde Studentin der schönen Künste (vulgo Rechtswissenschaften) zu beeindrucken versuchte. Und weil die Stories über Papas dickes Auto (ein BMW, mit dem der Bruder schon mal in zwei Stunden in Heidelberg war) und Fußballspiel am Wochenende nicht den erhofften Erfolg brachten, packte der ambitionierte Jurastudent (TM) halt Geschichten aus dem Arbeitsleben aus. So wie das auch jeder Blawger tut. Und der ambitionierte Student hat eine Menge zu erzählen, ist er doch Praktikant in einer größeren Kanzlei. Nur achtet der Blawger peinlich genau darauf, nicht mit dem Standesrecht oder anderen Berufspflichten ins Gehege zu geraten. Da man im Studium aber weder etwas von der BRAO (etwa § 43a BRAO) hört noch - als Jurist - die nötige Sorgfalt beim Lesen von Verträgen und anderen Schriftstücken aufbringt (etwa der Verschwiegenheitsverpflichtung), obwohl man sie bereitwillig unterzeichnet, durfte die junge und sehr blonde Studentin und alle anderen anwesenden oder vorbeieilenden Gestalten lauschen, wer alles Mandant in welcher Sache bei “seiner” Kanzlei sei. Und das wegen einer dieser Sachen seit zwei Wochen rund um die Uhr gearbeitet werden müsse, weil die Schriftsätze fertig werden müssten.

Wobei man sich fragen darf, woher der Praktikant das alles weiß. Vermutlich vom Zusammentackern der Schriftsätze. Sein Arbeitgeber muss sich in jedem Fall die Frage stellen, ob dies nicht schon eine zu anspruchsvolle Tätigkeit ist. Die Exkulpation im Fall des § 831 BGB dürfte aber angesichts der offenkundigen Ungeeignetheit im Zweifelsfall nicht greifen.

Wenigstens die sehr blonde Studentin war beeindruckt. Und meine Kaffeepause unterhaltsam. Danke.

© David Klein. (Digitaler Fingerprint: 1958fb6735d01a9d5405f0b7c320faa0) Social Bookmark setzen
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Themen: Juristisches , Auswahlverschulden

Erschienen 26. August 2008 auf http://kleinblog.com/.

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