Auch bei einer Verständigung bleibt es bei den Hinweispflichten des Gerichts

In dem vom Bundesgerichtshof am 11. Mai 2011 entschiedenen Fall (2 StR 590/10) war dem Angeklagten war vor dem Landgericht Frankfurt in der insoweit unverändert zugelassenen Anklage bezüglich Kokaintransporten vorgeworfen worden, jeweils als Gehilfe eines Mitangeklagten gehandelt zu haben. Auf Grundlage seiner geständigen Einlassung, der eine Verständigung nach § 257c StPO vorausgegangen war, hat ihn das Landgericht Frankfurt sodann jedoch als Mittäter und nicht als Gehilfe verurteilt. Der BGH folgte der Revision, die rügte, dass der Angeklagte entgegen der Vorschrift des § 265 Abs. 1 StPO auf diesen Wechsel in der Beteiligungsform nicht hingewiesen und ihm insoweit nicht Gelegenheit gegeben wurde, seine Verteidigung hierauf einzurichten.

Im weiteren führte der BGH in den Entscheidungsgründen aus:

Ein entsprechender gerichtlicher Hinweis wurde weder im Eröffnungsbeschluss noch in der Hauptverhandlung erteilt. Das Gericht hat dem Angeklagten eine entsprechende Kenntnis auch nicht in sonstiger Weise durch den Gang der Verhandlung vermittelt; eine Revisionsgegenerklärung oder dienstliche Äußerungen, aus denen sich Gegenteiliges ergeben könnte, sind nicht vorgelegt worden (vgl. BGHSt 28, 196, 199; BGHR StPO § 265 Abs. 4, Hinweispflicht 4; BGH NJW 2011, 1301, 1303). Ein Hinweis war auch nicht entbehrlich, weil dem Urteil eine Verständigung nach § 257c StPO vorausgegangen war und das Gericht die Strafe dem Verständigungsstrafrahmen entnommen hat. Die mit dem Gesetz zur Regelung der Verständigung im Strafverfahren vom 29. Juli 2009 (BGBl. I S. 2353) eingeführte Vorschrift des § 257c StPO und die sich aus einer danach getroffenen Verständigung ergebenden Bindungen des Gerichts haben nicht die Kraft, die Hinweispflichten des § 265 StPO zu relativeren oder gar zu verdrängen. Der Grundsatz des rechtlichen Gehörs gilt vielmehr uneingeschränkt auch für den Angeklagten, der einem Verständigungsvorschlag de…

» Vollständiger Artikel
  • Infos zum Artikel
  • Kommentare
  • Ähnliches
  • Links

Themen: Bgh , Frankfurt , Btmg , § 265 Stpo , Bundesgerichtshof , Landgericht Frankfurt , Btm , Hinweispflicht , Betäubungsmittel , Verständigung , § 257c Stpo , - Strafrecht

Erschienen 13. Juli 2011 auf http://www.sokolowski.org/.

Sie haben eine Meinung zum Thema? Artikels kommentieren
Artikel kommentieren

Verständigung im Strafverfahren – und die Hinweispflichten des Gerichts

Rechtslupe | 29. Juli 2011 — Die mit dem Gesetz zur Regelung der Verständigung im Strafverfahren vom 29. Juli 2009 eingeführte Vorschrift des § 257c StPO un…

Absprache/Rechtlicher Hinweis – was hat Vorrang?

Heymanns Strafrecht Online Blog | 15. Juli 2011 — Dre BGH – mal nicht der sonst die Szene offenabr beherrschende 1. Strafsenat, sondern der 2. Senat – hat im BGH, Beschl. v. 11.…

Verstoß gegen Belehrungspflicht – kein Beweisverwertungsverbot – mal wieder Verständigung

Heymanns Strafrecht Online Blog | 2. Dezember 2010 — Der Beschl. des BGH v. 19.08.2010 – 2 StR 226/10 - setzt sich mit der in § 257c Abs. 5 StPO normierten Belehrungspflicht ause…

Bindungswirkung einer tats??chlichen Verst??ndigung

Rechtslupe | 10. Dezember 2008 — Eine tats??chliche Verst??ndigung im Steuerfestsetzungsverfahren ist nicht schon deshalb unwirksam, weil sie zu einer von einem…

BGH: Ist doch egal, was der Vorsitzende der Strafkammer dem Verteidiger am Telefon verspricht...

beck-blog | 7. Februar 2012 — Natürlich sind Telefonate zwischen den Verfahrensbeteiligten im Strafprozess normal. Der BGH hatte jetzt einen Fall, bei dem de…

Strafuntergrenze/Strafobergrenze bei der Absprache: Alternativ oder immer kumulativ

Heymanns Strafrecht Online Blog | 17. November 2010 — Der gerade veröffentlichte Beschluss des BGH v. 08.10.2010 – 1 StR 347/1 – beschäftigt sich mit der Strafunter- und Strafober…

Verfahrensbeendende Absprache und Rechtsmittelverzicht

Anwalt bloggt | 16. November 2010 — Das Fehlen des sogenannten „Negativattests“ nach § 273 Abs. 1a Satz 3 StPO, mit dem festgestelt wird, dass eine Verständigung…

Mal wieder was zur Verständigung – jetzt zu den Hinweispflichten

Heymanns Strafrecht Online Blog | 30. September 2010 — Die Verständigung (§ 257c StPO) ist bei den Instanzgerichten und auch beim BGH angekommen. Das zeigen deultich die vermehrt v…

BGH zum Deal und zur Strafobergrenze

Juraexamen.info | 7. September 2010 — Der BGH hat in einem Beschluss vom 27.07.2010 (1 StR 345/10) entschieden, dass ein Gericht nicht gehindert ist, die angegeben…

Schuldspruch darf nicht Gegenstand eine Verständigung sein

Anwalt bloggt | 21. März 2011 — Allein die unzulässige Verständigung über den Schuldspruch führt nicht zu einem Verbot, das auf Grund der Verständigung abgeg…

Der Bundesgerichtshof - Startseite

Sie finden hier Informationen über die Tätigkeitsbereiche und Arbeitsvorgänge des Bundesgerichtshofs. Weiterhin erhalten Sie Zugang zu Pressemitteilungen, Entscheidungen und dem Katalog der Bibliothek. Sie können Ansprechpartner für Ihre Anfragen finden und mit ihnen in Kontakt treten.


Urteil des 2. Strafsenats vom 11.5.2011 - 2 StR 590/10 -