Auch Schmidt stellt 15,5 Prozent Kassenbeitrag in Frage
Reuters | 29. Dezember 2008 — Berlin (Reuters) - Die Höhe des neuen einheitlichen Krankenkassen-Beitrags wird auch von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmi…
Berlin (Reuters) - Die Ausgaben für Arzneimittel werden auch im kommenden Jahr stark steigen und sich deutlich im Beitragssatz für den Gesundheitsfonds niederschlagen.
Wie der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, Leonhard Hansen, am Dienstag in Berlin sagte, verständigten sich Ärzte und Kassen darauf, dass die Ausgaben für Medikamente im nächsten Jahr um 6,6 Prozent steigen müssen. Auch Gesundheitsministerin Ulla Schmidt rechnet mit einem Zuwachs in dieser Höhe, der für die Versicherten 0,2 Beitragssatzpunkte ausmacht. Sie gehe davon aus, dass der sogenannte Schätzerkreis diesen Wert zur Grundlage seiner Beratungen in der kommenden Woche machen werde.
Schmidt bezeichnete die Arzneimittel als größten Kostentreiber im Gesundheitswesen. Den Pharmaherstellern drohte sie mit neuen Preisvorschriften, falls sie die Zeit bis zur geplanten Einführung einer Kosten-Nutzen-Bewertung in Deutschland für Preisanhebungen nutzen sollten. "Der Gesetzgeber wird nicht zusehen, dass es hier Preistreiberei gibt zulasten der Versicherten", sagte die SPD-Politikerin.
Nach dem am Dienstag veröffentlichten Arznei-Verordnungsreport sind die Preise für Medikamente in Deutschland im internationalen Vergleich zu hoch. Es könnten mindestens 5,6 Milliarden Euro eingespart werden, sagte der Herausgeber des Standardwerks der Branche, Ulrich Schwabe. Würden die Einsparpotenziale genutzt, könnte der Beitragssatz um 0,6 Prozentpunkte niedriger ausfallen.
Hauptursache des Ausgabenanstiegs seien die patentgeschützten Medikamente mit einer Steigerung um fast drei Prozent gewesen. Bestimmte Rheuma-Mittel etwa kosteten hierzulande 66 Prozent mehr als in den USA. Auch Nachahmerpräparate (Generika) - deren Preise um 5,1 Prozent zurückgingen - seien immer noch zu teuer. Weitere Einsparungen seien möglich, wenn auf teure neue Präparate mit keinem oder geringem Zusatznutzen sowie auf umstrittene Medikamente verzichtet werde. Ingesamt kommen die Autoren auf ein Einsparpotenzial von fast sechs Milliarden Euro.
Schmidt plädierte dafür, für Medikamente eine spezielle Zulassung für die Erstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen einzuführen. Anders als in vielen anderen europäischen Ländern würden in Deutschland Medikamente nach ihrer Marktzulassung zu jedem Preis von den Kassen erstattet. Vorbildfunktion misst Schmidt der Schweiz zu, wo Pharmafirmen Geld zurückzahlen müssen, wenn sich nach der Zulassung herausstellt, dass der Preis eines Medikaments im Vergleich zum Nutzen zu hoch angesetzt worden war.
Insgesamt gaben die gesetzlichen Kassen 27,8 Milliarden Euro und damit 6,7 Prozent mehr für Tabletten, Salben und Zäpfchen aus. Die steigenden Arzneikosten müssen ebenso wie die höheren Arzthonorare und die zusätzlichen Gelder für die Kliniken bei der Festsetzung des Beitragssatzes für den Fonds berücksichtigt werden. Nach Ansicht des Chefs des AOK-Bundesverbands, Hans Jürgen Ahrens, werden die Versicherten 2009 wohl bis zu 15,8 Prozent zahlen müssen. Schmidt betonte hingegen, von einem Satz in der Höhe gehe sie nicht aus, nannte aber erneut keine konkrete Hausnummer.
Kritik am Arznei-Verordnungsreport kam aus der Wirtschaft. Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie warf den Autoren eine fragwürdige Interpretation vor. Der Preisindex sei seit 2001 um rund zehn Prozent rückläufig. Auch der Branchenverband "Pro Generika" beklagte eine irreführende Preisberechnung. Der Verband forschender Arzneihersteller betonte, Grund für die steigenden Ausgaben sei der steigende Bedarf nach einer medikamentösen Therapie für viele Leiden.
Erschienen 23. September 2008 bei http://www.reuters.com.
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