Angeklagte im Sauerland-Verfahren sagen gegenüber BKA aus
Reuters | 18. Juni 2009 — Düsseldorf (Reuters) - Mitglieder der sogenannten Sauerland-Gruppe haben gegenüber dem Bundeskriminalamt die ihnen vorgeworfene…
Düsseldorf/Berlin (Reuters) - Im Verfahren gegen die sogenannte Sauerland-Gruppe haben mehrere Terrorverdächtige Geständnisse abgelegt.
Drei der vier Angeklagten machten nach Angaben ihrer Verteidiger umfangreiche Aussagen gegenüber dem Bundeskriminalamt. Sie wollten damit ein rasches Endes des Mammutprozesses und Strafmilderung erreichen, sagten die Anwälte Reuters am Donnerstag. Die Bundesanwaltschaft wirft den vier in Düsseldorf angeklagten Islamisten vor, im Herbst 2007 eine Serie verheerender Autobombenanschläge in Deutschland vorbereitet zu haben.
"Mein Mandant hat mit einem umfangreichen Geständnis begonnen", sagte der Verteidiger des Hauptangeklagten Fritz Gelowicz, Dirk Uden. Die Anwältin von Adem Yilmaz, Ricarda Lang, erklärte, ihr Mandant leide psychisch stark unter dem Prozess und wolle mit seinem Geständnis einen raschen Abschluss des Verfahrens erreichen. Die Vernehmungen seien noch lange nicht abgeschlossen. Soweit sie wisse, hätten auch die übrigen Angeklagten umfangreiche Zugeständnisse gemacht.
Auch der Angeklagte Daniel Schneider legte nach den Worten seines Anwalts Johannes Pausch ein Geständnis ab. Er habe sich zu allen Punkten außer seiner Festnahme und dem Vorwurf des Mordversuchs dabei eingelassen. Die Bundesanwaltschaft wirft Schneider vor, bei einem Handgemenge versucht zu haben, einen Polizisten zu erschießen. Die Vernehmungen sollen nach den Worten Pauschs noch diese Woche abgeschlossen sein.
GERICHT VERÄNDERT PROZESS-PLANUNG
Das Oberlandesgericht Düsseldorf hat wegen der Aussagen bereits seine Prozess-Planung umgestellt. Die Kammer will nun erst am kommenden Mittwoch und nicht schon am Dienstag mit der Vernehmung der Angeklagten beginnen. Dass sich Islamisten in Terrorprozessen zu einem Geständnis bereiterklären, ist extrem selten. In Düsseldorf hatte offenbar Yilmaz den Meinungsumschwung in der Gruppe ausgelöst.
Die Angeklagten hatten bereits in der vergangenen Woche angekündigt, sie wollten umfassende Geständnisse ablegen. Bei den Aussagen werde es Überraschungen geben, und es werde spannend, hatten ihre Anwälte angekündigt. Der Vorsitzende Richter Ottmar Breidling hatte die Aussicht auf umfassende Geständnisse eine "Rechtswohltat" genannt: "Der Weg ist prozessökonomisch und erspart uns viel Zeit." Möglicherweise könne das bislang auf zwei Jahre angesetzte Verfahren dadurch um ein Jahr verkürzt werden. Die Angeklagten könnten zudem durch ein Geständnis mit einem spürbaren Nachlass beim Strafmaß rechnen.
ERSTER FALL VON "HOME-GROWN TERRORISM" IN DEUTSCHLAND
Die Polizei hatte die vier Männer im Herbst 2007 nach monatelanger Überwachung durch 600 Beamte beim Aufkochen des Sprengstoffs in einem Ferienhaus im Sauerland festgenommen. Die Öffentlichkeit reagierte damals geschockt auf den ersten Fall von "home-grown terrorism" in Deutschland. Laut Anklage hatten die Männer ausreichend Chemikalien gehortet, um 550 Kilogramm Sprengstoff herzustellen. Zum Vergleich: Bei den Anschlägen in der Londoner U-Bahn benutzten die Attentäter nur je neun Kilogramm des gleichen Sprengstoffs.
Mit dem ersten großen Anschlag in Deutschland seit RAF-Zeiten wollten die Männer nach Einschätzung der Ermittler den kurz darauf geplanten Bundestagsentscheid über die Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr beeinflussen. Die Bundesanwaltschaft rechnet die Angeklagten der Islamischen Dschihad-Union (IJU) zu, die der Extremistenorganisation Al-Kaida nahesteht.
Erschienen 18. Juni 2009 bei http://www.reuters.com.
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