Abwesenheit des Angeklagten

Der Europäische Gerichthof für Menschrechte (EGMR) hat in einem Urteil vom 22 September 2009 seine ständige Rechtsprechung zum fairen Verfahren und dem Grundsatz einer effektiven Verteidigung des Angeklagten im Strafverfahren erneut bestätigt (Dr. Wolfram Karl, LLM, Internationaler Kommentar zur Europäischen Menschenrechtskonvention, Art. 6 Rn 385).

Im vorliegenden Fall war eine Berufung von einem finnischen Gericht verworfen worden, weil der Angeklagte schuldhaft zur mündlichen Verhandlung nicht erschienen war, obwohl sein Rechtsanwalt verteidigungsbereit anwesend war.

Der EGMR sah in der Verwerfung der Berufung alleine auf Grund der fehlenden Anwesenheit des Angeklagten eine Verletzung des Art. 6 Abs. 3 lit. c EMRK.

In Art. 6 Abs. 3 lit c EMRK heißt es:

Abs. 3

Jede angeklagte Person hat mindestens folgende Rechte:

(…)

c.)

sich selbst zu verteidigen, sich durch einen Verteidiger ihrer Wahl verteidigen zu lassen oder, falls ihr die Mittel zur Bezahlung fehlen, unentgeltlich den Beistand eines Verteidigers zu erhalten, wenn dies im Interesse der Rechtspflege erforderlich ist;

Nach dieser Vorschrift kann sich ein Angeklagter in jeder Lage des Verfahrens durch einen Verteidiger vertreten lassen.

Nach Auffassung des EGMR müsse zwar dem Gesetzgeber die Möglichkeit eingeräumt werden, mit wirksamen Mitteln die unentschuldigte Abwesenheit des Angeklagten zu sanktionieren, insbesondere weil der Anwesenheit des Angeklagten in Strafverfahren ein besonderes Gewicht zukommt. Darüber hinaus liegt die eigene Anwesenheit auch im eigenen Interesse des Angeklagten. Dies dürfe aber nicht dazu führen, dass dem Angeklagten als Sanktion für seine unentschuldigte Abwesenheit sein Recht auf rechtliches Gehör und sein Recht auf eine effektive Verteidigung genommen wird.

Daher ist auch bei unentschuldigtem Fehlen des Angeklagten zur Wahrung einer effektiven Verteidigung dem Verteidiger die Möglichkeit zu geben, seinen Mandanten vor Gericht zu vertreten und zu verhandeln (siehe Lala gegen die Niederlande, 22. September 1994, § 33 Serie A-Nr. 297-A; Van Geyseghem gegen Belgien [GC], Nr. 26103, ECHR 1999-I.). Weiterhin müsse dem Angeklagten immer die Gelegenheit gegeben werden, vom Gericht effektiv gehört zu werden (…

» Vollständiger Artikel
  • Infos zum Artikel
  • Kommentare
  • Ähnliches
  • Links

Themen: Rechtsanwalt , Rechtsanwälte , Llm , Gastbeitrag , Wolfram
Rechtsgebiet: Strafprozessrecht

Erschienen 8. März 2010 auf http://www.strafrechtsblogger.de.

Sie haben eine Meinung zum Thema? Artikels kommentieren
Artikel kommentieren

Der EGMR und die Berufungsverwerfung (§ 329 Abs. 1 StPO).

Heymanns Strafrecht Online Blog | 5. März 2012 — Der OLG Düsseldorf, Beschl. v. 27.02.2012, III-2 RVs 11/12 – befasst sich mit den Auswirkungen der Rechtsprechung des EGMR au…

Flucht ins Ausland als Begründung für Revisionseinstellung

Rechtslupe | 25. Oktober 2011 — Hat der Angeklagte nach Einlegung der Revision freiwillig seinen dauerhaften Aufenthalt im Ausland genommen, wird das Revisions…

Was häufig übersehen wird, ist…

Heymanns Strafrecht Online Blog | 28. Juli 2010 — … dass auch der Pflichtverteidiger für die Vertretung des Angeklagten in der Berufungshauptverhandlung (des Strafbefehlsverfahr…

Kammergericht: im Strafbefehlsverfahren reicht ein Anwalt

Mit Fug und Recht | 10. August 2010 — Das Amtsgericht Tiergarten hatte im Oktober 2009 einen Strafbefehl wegen Insolvenzverschleppung und Bankrotts erlassen, gegen d…

Mehrfachverteidigung EGMR: Mehrfachverteidigung: Auch nach Verfahrensverbindung verboten!

beck-blog | 12. November 2010 — Wichtig für alle Richter und Verteidiger: Das OLG Celle, Beschluss v. 16.09.2010 - 2 Ws 312/10 hat zur Mehrfachverteidigung Ste…

Wer nicht kommt, wird auch nicht geholt

Heymanns Strafrecht Online Blog | 25. November 2011 — Das OLG Brandenburg musste sich mit folgender Verfahrenssituation befassen. Gegen den Angeklagten ergeht Strafbefehl. Es wird n…

Notwendige Verteidigung im beschleunigten Verfahren bei Straferwartung von 6 Monaten

strafblog | 12. September 2006 — Das OLG Braunschweig hat der Sprungsrevision eines Angeklagten stattgegeben, der vom Amtsgericht Braunschweig im beschleunigten Ve…

Augenscheinseinnahme geht nicht ohne der Angeklagten

Heymanns Strafrecht Online Blog | 16. November 2010 — In Zusammenhnag mit der Entfernung des Angeklagten aus der Hauptverhandlung nach § 247 StPO werden in der Praxis häufig Fehler …

Erst Revision einlegen und dann vom Acker machen? Von wegen!

beck-blog | 17. November 2011 — Der Angeklagte hatte nach seiner Verurteilung Revision eingelegt und dann mitteilen lassen, er sei geflüchtet halte sich im …

Hauptverhandlung nach Strafbefehl ohne den Angeklagten

Rechtsanwalt Achim Flauaus | 27. Mai 2011 — Das Strafbefehlsverfahren ermöglicht es dem Angeklagten, nach Einspruchseinlegung frei darüber zu entscheiden, ob er an der H…

Europarat - SEV Nr. 005 - Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten
Rechtsanwaltskanzlei für Strafrecht und Ausländerrecht in Berlin | Krautzig Dietrich Partner Rechtsanwälte Berlin

Herzlich Willkommen! Steffen Dietrich | Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Berlin,Allgemeines Strafrecht,Diebstahl, Raub,Körperverletzung,Mord,Drogenstrafrecht,Rauschgift,Betäubungsmittel,Jugendstrafrecht,Verkehrsstrafrecht | Thomas Krautzig, Rechtsanwalt in Berlin, Ausländerrecht und Familienrecht


StPO - Einzelnorm
StPO - Einzelnorm