Die Theorie des ersten Tropfens in der Leitungswasserversicherung

Henning Doth

Der Bundesgerichtshof hatte sich mit Urteil vom 12.07.2017 (Az. IV ZR 151/15) mit einem Fall zu befassen, in der das Leitungswasser nicht, wie z.B. bei einem gebrochenen Rohr, plötzlich ausgetreten war, sondern nur tropfenweise.

Der Fall wurde dadurch schwieriger, dass zwischenzeitlich ein Wechsel des Versicherers stattgefunden hatte. In Anbetracht des nur allmählich austretenden Leitungswassers wandte der im Zeitpunkt der Entdeckung des Schadens aktuelle Versicherer ein, dass der Versicherungsfall schon vor Beginn des Versicherungsschutzes mit Austritt des ersten Tropfens eingetreten sei. Demgegenüber wandte der Vorversicherer ein, dass der erste Tropfen erst nach Beendigung des Vorversicherungsverhältnisses ausgetreten sei. Dies führt unweigerlich zu einer nachteiligen Situation für den Versicherungsnehmer, wenn dieser den Zeitpunkt des Austrittes des ersten Tropfens nicht nachweisen kann. Dann erhält er nämlich weder vom Vorversicherer noch vom aktuellen Versicherer eine Entschädigung.

Keine zeitliche Begrenzung des Versicherungsfalls

Dieses ungerechte Ergebnis hat auch der Bundesgerichtshof erkannt. Nach seiner Auffassung kann ein durchschnittlicher Versicherungsnehmer den dem Rechtsstreit zugrunde liegenden Versicherungsbedingungen (VGB 2001) nicht entnehmen, dass Leitungswasserschäden nur dann versichert sind, wenn aus einer defekten Leitung erstmals in versicherter Zeit Wasser ausgetreten ist bzw. versicherte Gegenstände zu schädigen begonnen hat. Vielmehr könne der durchschnittliche Versicherungsnehmer den VGB 2001 nur entnehmen, dass der Versicherungsfall Leitungswasserschaden solange andauere, wie Wasser austritt und versicherte Sachen schädigt. Eine zeitliche Begrenzung sei in den VGB 2001 nicht enthalten. Es fehle insbesondere an einer Festlegung, zu welchem Zeitpunkt der Versicherungsfall als eingetreten gilt ...

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