Strafzwecklehren

„Mißtraut allen, in welchen der Trieb, zu strafen, mächtig ist!“ (Nietzsche)

Wer eine rechtswidrige Tat verübt, die einen sozialethischen Tadel verdient, muss bestraft werden. Darüber sind sich die Menschen über die Grenzen aller Zeitalter und Weltanschauungen hinaus weitgehend einig. Das Pönalisierungsgebot scheint so selbstverständlich, dass die Frage nach dem Warum nicht immer die ihr gebührende Beachtung erfährt. Dabei bestimmt der Strafzweck die Richtschnur sowohl für die Voraussetzungen als auch für die Art und das Maß der Strafe.

Warum bestimmte Taten zu pönalisieren sind, welchen Zweck es also erfüllen soll, einem Straftäter für seine Tat ein Übel aufzuerlegen, wird seit Menschengedenken streitig und oft leidenschaftlich diskutiert. Die zahlreichen, teils jahrtausendealten Argumente und Theorien lassen sich in zwei Gruppen einordnen:

Die erste Gruppe bilden die Vergeltungstheorien. Ihre Vertreter wollen strafen, weil verbrochen worden ist. Strafe ist Sühne, Sühne ist Ausgleich. Auf dem Boden der Strafe kann die Versöhnung mit der Rechtsordnung gedeihen. Von darüber hinausgehenden Effekten ist die Strafe unabhängig. Darum nennt man Vergeltungstheorien auch absolute Strafzwecklehren (lat. absolutus: losgelöst).

Im Zentrum der zweiten Theoriengruppe steht die Prävention. Bestraft wird nicht, weil verbrochen worden ist, sondern um Straftaten zu verhindern. Die sogenannten relativen Strafzwecktheorien verfolgen also einen Zweck, und der lässt sich auf vier Wegen erreichen: Strafen schaffen gesellschaftliches Vertrauen in die Rechtsordnung; auf diesem Vertrauen gründet Rechtstreue (positive Generalprävention). Strafen schrecken die Allgemeinheit ab (negative Generalprävention). Strafen schrecken auch den Einzelnen ab; soweit dies nicht der Fall ist, kann die von dem einzelnen Straftäter ausgehende Gefahr etwa durch dessen Inhaftierung reduziert werden (negative Spezialprävention) ...

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