Österreich und Deutschland: Selbe Sprache, selbes Erbrecht? Weit gefehlt!

von Bernhard Schmeilzl

Wer schon einmal mit einem österreichischen Rechtsanwalt korrespondiert hat, kann bereits leichte Zweifel daran hegen, ob es sich wirklich um dieselbe Sprache handelt. Welcher deutsche Anwalt weiß zum Beispiel sofort, was eine “aufrechte Ehe” ist? Oder ein “Fetzenmarkt”? Aber das ist ein anderes Thema (siehe hier). Kommen wir zum Thema, nämlich dem österreichischen Erbrecht sowie dem österreichischen Erbscheinsverfahren (dort Verlassenschaftsverfahren genannt) und den jeweiligen Unterschieden zur erbrechtlichen Situation aus Perspektive eines deutschen Erbrechtsanwalts.

Wer als Deutscher Vermögen in Österreich besitzt, etwa Bankkonten, Wertpapiere oder Immobilien (Skihütte oder Ferienwohnung), vergisst manchmal, dass bei seinem Tod nicht nur das deutsche, sondern möglicherweise auch das österreichische Recht für die Abwicklung des Nachlassvermögens gilt.

Wie kommt man in Österreich an den Nachlass?

So müssen die (deutschen) Erben, neben dem Nachlassverfahren in Deutschland, auch das sog. “Verlassenschaftsverfahren” in Österreich durchlaufen (dazu unten gleich genauer). Das kann kompliziert und kostspielig werden. Was viele nämlich nicht bedenken: In Österreich gibt es im Unterschied zu Deutschland keinen Direkterwerb (Vonselbsterwerb) der Erben. Vielmehr muss der österreichische Nachlass immer erst aktiv vom österreichischen Nachlassgericht übertragen werden – ähnlich dem anglo-amerikanischen Konzept eines Personal Representative (Executor bzw. Administrator).

Für Erbfälle ab dem 17. August 2015 gibt es zwar die Möglichkeit, ein sogenanntes EU-Nachlasszeugnis zu beantragen, das dann sowohl in Deutschland als auch in Österreich gilt. Allerdings werden solche Europäischen Nachlasszeugnisse bei Banken und sogar Gerichten oft noch immer mit spitzen Fingern angefasst (“kennen wir nicht, wollen wir nicht”) und sie haben zudem den erheblichen praktischen Nachteil, dass sie nur sechs Monate lang gültig sind (Art ...

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