Die unmögliche Revolution: Bericht aus Barcelona, Teil 1

von Maximilian Steinbeis

"Ich habe ETA erlebt, ich habe Terrorismus erlebt", sagt Carmina, eine ältere Dame mit schwarzem Pelzkragen, mit der ich morgens auf der verregneten Plaça Reial ins Gespräch komme. "Heute geht das wieder los." Vor zehn Jahren hat sie einen Freund beim Terroranschlag in Madrid verloren; ihr steigen die Tränen in die Augen, als sie davon erzählt. Sie wird mit Nein stimmen.

Am Kolumbusdenkmal begegne ich Marién, einer Anwältin aus Murcia, die mit drei Freunden eigens nach angereist ist für diesen Tag. "Democracia!", schnaubt sie. Was sei denn daran demokratisch, wenn das ganze übrige Spanien überhaupt nicht gefragt werde. Die Zentralregierung hätte schon längst Artikel 155 der Verfassung aktivieren sollen, um das Referendum zu verhindern. Den Notstandsartikel, der die Suspension des katalanischen Autonomiestatuts erlaubt.

Einige Schritte weiter: Xavier, auf dem Weg zur Arbeit. "Das Referendum, das ist ein Fest", sagt er. "Der erste Tag unseres Lebens!" Er wird mit Ja stimmen, am Nachmittag, wenn er Feierabend hat.

Laura, eine junge Lehrerin, ist bereits auf dem Weg zum Wahllokal und nimmt mich mit. "Unsere Familien haben gegen die Franco-Diktatur gekämpft", erzählt sie unterwegs. Das heutige Spanien sei auch nichts anderes als das. "Das gleiche Gefühl. Wie in einer Diktatur ist das wieder." Franco-Diktatur? Da wurden Oppositionelle gefoltert und mit der Garrote stranguliert… im Ernst jetzt? Ja, ja. Eine Diktatur. "Spanien will nicht, dass wir wählen."

An der Grundschule am Strand in Barceloneta stehen sie bereits Schlange, hunderte Meter die Straße entlang, und drinnen im Gebäude noch einmal so viele, die Treppe hinunter, wo im Keller die Wahlurnen stehen. Draußen wachen zwei verlegen lächelnde katalanische Polizisten; niemand beachtet sie. Zwei Stunden früher war die Guardia Civil hier, die nationale Polizei. Da hat es gekracht ...

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