Nichts mehr, was es sich zu retten lohnt – Dor givt et nüscht, wat sich tau retten launen daut

„Was ist denn ein Blog?“ „Ein Blog, das ist sozusagen eine unausgedruckte Ausgabe deiner Tageszeitung. Nur, dass er sich meistens ausschließlich mit einem Thema beschäftigt. Die einen schreiben über Mode, andere über Essen und wir schreiben über Asylrecht und Flucht.“

Mein Opa ist 85 Jahre alt. Er isst am liebsten Kartoffeln und hört gerne Musik von ABBA. Im Skat ist er unschlagbar, außerdem spielt er seit ich denken kann Mundharmonika und im Herbst zieht es ihn zum Pilze sammeln in den Wald. Wie viele Millionen andere Menschen in seinem Alter hat er eine lange und beschwerliche Reise hinter sich, bevor er sich zu Hause fühlen durfte. Denn mein Opa ist gebürtiger Pommer. Wir sitzen uns an einem mit einer geblümten Decke bedeckten Küchentisch gegenüber. Er reibt sich die Augen und fängt ganz sachlich an, seine Geschichte zu erzählen.

Mit dem bitterkalten Winter stehen im Februar 1945 russische Panzerspitzen 30 Kilometer vor Stargard. Als die Bombardements beginnen, verstecken sich die Menschen mit dem, was sie in einer Hand tragen können, in vermeintlich sicheren Luftschutzbunkern.

Nachdem auch vor diesen Volltreffer einschlagen, flieht mein Opa mit seinen drei jüngeren Brüdern, neun, zehn und elf Jahre alt, in einem heillos überfüllten Omnibus Richtung Westen. „Auf den Dächern konnten wir den Widerschein der Feuer um uns herum sehen.“

Begleitet werden sie von einer endlosen Kolonne Pferdetrecks. Sie kommen aus Rumänien etwa oder der damaligen Tschechoslowakei. „Das waren zig Gespanne aus einfachen Bauernwagen, voll mit allen Habseligkeiten, die man irgendwie greifen konnte, zumeist ohne Verdeck.“ Dieser Anblick gehört zu den präsentesten Bildern seiner Flucht. Ihm wird bewusst, dass auch er dazugehört und Flüchtling ist. Zu diesem Zeitpunkt ist er erst zwölf Jahre alt ...

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