„Das Pech der Auster“ oder die sog. selektive Wahrnehmung

von Thorsten Blaufelder

Das Pech der Auster

Eine Auster sah eine lose Perle, die in einen Felsspalt auf den Meeresgrund gefallen war. Mit großer Anstrengung gelang es ihr, die Perle aufzufischen. Sie legte die Perle neben sich auf ein Blatt. Die Auster wusste nämlich, dass Menschen nach Perlen suchen und dachte: Diese Perle wird ihnen auffallen. Sie werden sie nehmen und mich dafür in Ruhe lassen. Als ein Perlentaucher in die Nähe kam, waren seine Augen jedoch darauf trainiert, nach Austern zu suchen und nicht nach Perlen, die auf Blättern lagen. Also griff er nach der Auster, die nun zufällig keine Perle enthielt, und die echte Perle konnte in den Felsspalt zurückrollen.

Die Auster aus der Metapher wurde ein Opfer der „selektiven Wahrnehmung“ des Tauchers. Selektive Wahrnehmung lenkt unsere Aufmerksamkeit auf eine Auswahl von Reizen, die im Gehirn verarbeitet werden. Der Mensch ist nicht fähig, alle einströmenden Reize zu verarbeiten. Er wendet deshalb unbewusst Mechanismen an, um mit den Reizeinflüssen fertig zu werden. Dies bedeutet, dass der Mensch nicht in der Lage ist , die objektive Wirklichkeit wahrnehmen. Er betrachtet die Welt stets durch eine Art von Filtern. Diese Filter sind zum Beispiel Erfahrungen, Prägungen, Erwartungen, Stimmungen und Gefühle. Möglicherweise hat das Auge des Tauchers die Perle gesehen. Aber nach der Erfahrung und Erwartung des Tauchers liegen Perlen nicht auf Blättern, sondern befinden sich innerhalb der Austern.

Der Mensch scheint nach den Erkenntnissen der sog. Konstruktivisten nicht in der Lage zu sein durch seine Sinne, die ihn umgebende Welt, die Wirklichkeit, abzubilden. Die Sinne „erfinden“ vielmehr, unabhängig von dem was sie wahrnehmen, ihre eigene Wirklichkeit: „Die Landkarte ist nicht das Gebiet.“ (Alfred Korzybski) ...

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