Verfahrensobjekt: Zeuge im Strafverfahren

von Joachim Breu
In jüngerer Zeit haben mich wieder einmal Verfahren verdrossen, in denen „Opfer“ zum Objekt richterlicher Allmacht gemacht wurden. Das darf ein Gericht. Einer unglücklichen Verhandlungs- und Terminführung gegenüber sind Nebenkläger und Zeugen ausgeliefert. Vier Stunden (!) auf dem Flur. Ladung auf 9:00 Uhr. Der Angeklagte fehlt. Er sei unterwegs, versichert der Verteidiger. Eine Stunde später versichert er weiter, nun stehe sein Mandant im Stau, was leider noch eine Stunde dauern werde. Also wird zweieinhalb Stunden nach dem offiziellen Start erst die Anklage verlesen. Jetzt kündigt der Verteidiger an, sein Mandant werde zur Sache schweigen. Das lässt einen zügigen Ablauf erwarten. Doch gefehlt: Der Vorsitzende beginnt, den Angeklagten nach seinem sozialen Hintergrund zu befragen, was der Verteidiger geschehen lässt. Nach und nach nähert man sich thematisch der Tatzeit, und anders als angekündigt schweigt der Angeklagte dazu nicht. Der Verteidiger lässt's geschehen. Und die Zeiger der Saaluhr nähern sich „High Noon“, 12:00 Uhr.

Okay, denkt sich der erfahrene Beobachter, das war jetzt die eine Seite. Da muss doch die andere gleich kommen. Aber falsch: Das Gericht lässt erst einmal einen Polizeizeugen herein („... muss ja in Kürze zum Dienst ...“), zwanzig Minuten später den auf zehn Uhr bestellten Sachverständigen („... kostet ja auch beim Warten Geld ... “). Noch eine halbe Stunde später wendet der Vorsitzende ein, er habe seiner Geschäftsstelle (und den Schöffen) eine Mittagspause versprochen, die könne man kürzen, aber nicht ausfallen lassen. Noch eine halbe Stunde später ist es endlich so weit: Man geruht, die Schilderung der (noch mutmaßlich) Verletzten entgegen zu nehmen.
Mangelndes Einfühlungsvermögen Was man im Saal nicht sieht ist, wie es dem persönlich betroffenen Zeugen geht, der vor dem Saal auf seine Vernehmung warten muss ...Zum vollständigen Artikel


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