Mein Anwalt weiß mehr als ich

von Udo Vetter

Ein neuer Mandant wurde bisher von einem anderen Rechtsanwalt vertreten. Doch zwischen Anwalt und Mandant kam es zu einem Streit. Ursache des Ärgers: Der bisherige Anwalt hatte zwar Einsicht in die Strafakte genommen. Er weigerte sich aber kategorisch, dem Mandanten eine Kopie der Akte zu geben. Das wiederum wollte der Mandant sich nicht gefallen lassen…

Ich konnte mir nur schwer vorstellen, dass dies wirklich der tragende Grund für den Streit war. Also telefonierte ich erst mal – der Mandant war einverstanden – mit dem bisherigen Anwalt. Doch was der Mandant über die Ursache des Konflikts erzählte, traf zu. „Ich gebe den Mandanten grundsätzlich keine Kopien von Ermittlungsakten“, sagte mir der Anwaltskollege. „Ich bespreche den Inhalt der Akte mit dem Mandanten, er darf in meiner Gegenwart auch mal die wichtigsten Stellen lesen, aber eine Kopie gibt es bei mir grundsätzlich nicht.“

Eine richtige Begründung für diese Praxis wollte mir der Kollege nicht geben. Außer natürlich, dass er das schon immer so macht. Seitdem er als Anwalt zugelassen ist, was immerhin 15 Jahre sind. Was er ansonsten sagte, klang so, als wolle er er sich ein gewisses Herrschaftswissen gegenüber dem eigenen Auftraggeber sichern. Nach dem Motto: Ich bin der Anwalt, lass mich arbeiten, stell‘ am besten gar keine Fragen. Damit war er bei dem aktuellen Mandanten aber an den falschen geraten.

Der Betroffene fragte sich völlig zu Recht, wie er seinen Anwalt informieren und mit ihm gemeinsam eine Strategie entwickeln soll, wenn er gar nicht genau weiß, was gegen ihn vorliegt. Dazu müsste er ja die Ermittlungsakte genau kennen ...

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