Völkermord und Oppertunismus

von Andreas Prokop

Vor kurzem hat der Deutsche Bundestag die Massaker, die die Türken an den Armeniern verübten, als Völkermord bezeichnet und sich damit vor allem mit dem türkischen Staatschef Erdogan angelegt. Den konnte man noch nie leiden. Naja, immerhin ist man ja auf eine Zusammenarbeit mit ihm in der Syrienfrage angewiesen, weswegen wohl auch Merkel und Steinmeier durch Abwesenheit glänzten. Angesichts dieser moralischen Entrüstung bin ich nun ins Grübeln gekommen: gab es eigentlich einmal eine Bundestagsresolution, die die Massaker der weißen protestantischen Nordamerikaner an den Indianern zum Völkermord erklärte? Hm, ich kann mich nicht erinnern. Im Internet fand ich nichts darüber, allerdings hat wohl der amerikanische Regisseur Quentin Tarantino Anfang 2013 einmal die Verantwortlichkeit Nordamerikas für zwei Holocausts, nämlich der (weitgehenden) Ausrottung der Indianer und der Sklaverei, betont: http://www.sueddeutsche.de/kultur/rassismus-debatte-um-django-unchained-warum-tarantino-sklaverei-und-holocaust-vergleicht-1.1569235
In einem Blog, der darauf bezugnimmt, findet sich der Satz: „Paradoxerweise beförderte gerade die Idee der Freiheit des Menschen den Völkermord.“
Christopher Lasch spricht von der „Versuchung, sich der Kultur zu entledigen und in die Barbarei zurückzufallen“ (Das Zeitalter des Narzissmus, S. 30). In Nordamerika hatten protestantische Fundamentalisten die Ureinwohner kurzerhand zu Unmenschen erklärt und bedenkenlos und oft mittels Täuschung ermordet. Als Kriminologe mag man sich dann über die Naivität mancher Kriminalitätstheorien gerade amerikanischer Provenienz wunden. Nach Lasch hatten die Weißen in den Indianern und der Natur „die innere Wildnis“ ihres eigenen Inneren gesehen und bekämpft. Mit Max Scheler lässt sich hier von „lebensfeindlicher Askese“ sprechen, die im übrigen die kriminologische Selbstkontroll-Theorie blind affirmiert. Das Lebendige wird zu Fehlverhalten erklärt, weil es nicht verstanden wird ...

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