Der konsequent schweigende Prüfling

von Andreas Stephan

Prüflingen sei im Rahmen der Vorbereitung auf eine mündliche Prüfung unabhängig des jeweiligen Faches stets geraten, auf keinen Fall komplett schweigend dazusitzen, wenn man eine Frage nicht beantworten kann. Von nichts kommt ja schließlich auch nichts, zumindest keine Punkte oder eine gute Note. Ein Kandidat des ersten juristischen Staatsexamens hat diesen Grundsatz vor einigen Jahren missachtet und so gleich eine Reihe von Gerichten befasst:

Der 34-jährige Prüfling, der zuvor Rechtswissenschaft an der Uni Hamburg studierte, scheiterte im ersten Versuch bei der Ablegung des Ersten Staatsexamens. Daraufhin erreichte er in der Wiederholungsprüfung im schriftlichen Teil der Klausuren 11,10 und 7 Punkte und in der Hausarbeit 7 Punkte, damit ein überdurchschnittliches Ergebnis. Er hätte somit das Examen insgesamt auch dann bestanden, wenn er in der mündlichen Prüfung 0 Punkte gehabt hätte.

Als die mündliche Prüfung stattfand, beantwortete der Prüfling so gut wie gar keine an ihn gerichtete Frage. Er schwieg konsequent. Eine nach der Prüfung durchgeführte ärztliche Untersuchung konnte keine Prüfungsunfähigkeit feststellen. Aus diesem Grund weigerte sich der zuständige Prüfungsausschuss, das Examen insgesamt für bestanden zu erklären, obgleich dies rein rechnerisch zwingend gewesen wäre, da der Prüfling auch mit 0 Punkten in der mündlichen Prüfung bestanden hat. Seine Entscheidung begründete der Ausschuss damit, dass der Beweis des ersten Anscheins dafür spricht, dass der Prüfling bei der Anfertigung der schriftlichen Arbeiten eine Täuschung begangen habe. Es sei auffällig dass der Prüfling bei allen drei Klausuren etwa zur gleichen Zeit für fünf Minuten auf der Toilette war. Außerdem habe der Prüfling durch sein Schweigen auf selbst einfachste Fragen an der mündlichen Prüfung trotz körperlicher Anwesenheit nicht teilgenommen und dadurch diese Prüfung ohne einen wichtigen Grund unterbrochen (§ 24 IV JAO) ...

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