Vergewaltigung im Kindesalter durch den Bruder – und der spätere Ausschluss des Elternunterhalts

Die Verletzung elterlicher Pflichten kann sich, auch soweit sie in einem Unterlassen besteht, als Verfehlung gegen das Kind darstellen1. Die Mutter war ihr im Rahmen der elterlichen Pflichten seinerzeit Schutz und Beistand schuldig. Es gehörte – schon damals – zu den Pflichten der Eltern, sich um ihr Kind zu kümmern, ihm bei Problemen und Schwierigkeiten zur Seite zu stehen und ihm insgesamt die Gewissheit zu vermitteln, dass ihm in Liebe und Zuneigung verbundene Elternteile für es da sind2.

Dass die – jetzt unterhaltspflichtige – Tochter allerdings seinerzeit nach der Verwaltigung durch ihren Bruder von ihren Eltern nicht einer Psychotherapie zugeführt wurde, ist nicht als vorsätzliche schwere Verfehlung im Sinne des § 1611 Abs. 1 Satz 2 BGB zu werten. Denn in den 1960er Jahren war nach weit verbreiteter Anschauung die psychotherapeutische Behandlung Fällen von Geisteskrankheit vorbehalten. Die heute allgemein vorherrschende Erkenntnis, dass schon zur Bewältigung krisenhafter Lebenssituationen eine psychotherapeutische Behandlung sachgerecht und geboten sein kann, kann für die damalige Zeit nicht vorausgesetzt werden. Somit fehlt es hinsichtlich dieser Unterlassung jedenfalls am subjektiven Element.

Auch hält es das Oberlandesgericht Karlsruhe vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Anschauungen der 1960er Jahre nicht für individuell den Eltern als vorsätzliche Verfehlung vorwerfbar, dass sie die Herkunft des Kindes der Tochter gegenüber Dritten verheimlichten und stattdessen eine „Legende“ benutzten, die auch der Tochter vorgegeben wurde. Es ist nicht fernliegend und lässt sich jedenfalls nicht ausschließen, dass die Eltern hierbei subjektiv nicht gegen die Kindesinteressen handeln wollten, sondern vielmehr meinten, auch im wohlverstandenen Interesse zum Schutz des Kindes – gleichermaßen auch der Familie – vor gesellschaftlicher Ausgrenzung zu handeln ...

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