Hängt die Latte nicht so hoch!

von Gerfried Braune

Wenn Mediation angepriesen wird, kommt immer auch das Wort Win-Win-Lösung vor. Das sei das Ergebnis, das eine Mediation ausmacht im Gegensatz zu einem Gerichtsverfahren, das bestenfalls schnöde Kompromisse hervorbringt. Dann kommt auch immer das Apfelsinenbeispiel in irgendeiner Variation (es kann auch ein Kürbis sein).

Mir kommt das Winken mit der Win-Win-Lösung immer vor wie die Werbung mit dem “weißesten Weiß” – schlicht unglaubwürdig oder übertrieben. Das Orangenbeispiel zeigt auch nur, dass man mit der frage nach den Interessen eventuell einen Scheinkonflikt aufdeckt (in diesem Beispielfall bestand eigentlich kein Konflikt, das haten die Beteiligten nicht erkannt).

Leider handelt es sich bei den Konflikten, die in der Mediation bearbeitet werden, in aller Regel eben nicht um solche Scheinkonflikte, die dann automatisch eine Win-Win-Lösung nach sich ziehen.

Auch ein Kompromiss ist nichts schlechtes, wenn man ihn nicht so definiert, wie mein Ausbilder am Landgericht während meiner Referendarzeit. Er meinte, dass ein Vergleich (=Kompromiss) dann gut ist, wenn alle Parteien unzufrieden damit sind. Denn auch ein Kompromiss kann eine Win-Win-Lösung sein. Es kommt dabei nur auf die Frage an, ob das Glas halb voll oder halb leer ist. Streiten sich zwei Parteien über die Zahlung von 10.000 EUR und vergleichen sich auf sanften Druck des Gerichts auf die Zahlung von 7000 EUR, kann man das als Nullsummenergebnis abtun (der eine gewinnt 7000 EUR, der anderen verliert 7000 EUR, Ergebnis 0). Das ist die Variante, bei der man das halbvolle mit dem halbleeren Glas vergleicht. Man kann es auch als lose-lose-Ergebnis definieren (der eine verliert von seiner Gesamtforderung 3000 EUR, der andere verliert 7000 EUR). Da nehmen wir auf beiden Seiten die halbleeren Gläser ...

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