Der ehrliche Beklagte

von Jörg Schaller

Neulich, beim Amtsgericht Bonn:

Routineverhandlung wegen einer Verkehrsunfallsache. Ich vertrete den Halter eines PkWs gegen Unfallgegner und Versicherung. Die Ehefrau meines Mandanten sass im geparkten Auto - mit Zeugen - und telefonierte, der Gegner setzte beim Ausparken dagegen. So jedenfalls ihre Geschichte. Die Geschichte des Gegners laut Polizeiprotokoll genau anders herum: Er habe gestanden und unser Fahrzeug habe sich gegen seines bewegt.

Die gegnerische Versicherung zuckt virtuell mit den Schultern und zahlt 50%. Mandant ist wütend, es wird Klage eingereicht. Nun ist man es als Anwalt beinahe schon gewohnt, dass es die Parteien mit der Wahrheit nicht immer ganz genau nehmen. Manche Geschichten lassen sich nie mit letzter Gewissheit aufklären, aber solange keine konkreten Anhaltspunkte für das Gegenteil vorliegen, glaubt man natürlich dem Mandanten.

Die gegnerischen Anwälte wiederholen im schriftlichen Vorverfahren die Geschichte des Beklagten, ich die unsere. Ich weise dann auch bei schriftlichen Vorträgen, die diametral entgegengesetzt hin, pro forma auf die prozessuale Wahrheitspflicht hin. Das hat dann aber etwa die Qualität von Don Quijotes Kampf mit den Windmühlen, denn der Mensch ist nun einmal so, wie er ist ...

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