Griechenland und die EU: Kann mal jemand auf uns Scheidungskinder hören?

von Maximilian Steinbeis

Zu jeder richtigen Ehekrise gehört dazu, dass die beiden Partner an irgendeinem Punkt aufgehört haben, die Rekonstruktion der Wirklichkeit des jeweils anderen verstehen zu wollen. Je mehr der eine darauf besteht, doch endlich von der anderen in seiner Sicht der Dinge wahrgenommen und verstanden zu werden, desto mehr fühlt sich die andere ihrerseits in ihrem Anspruch verletzt, mit ihrer Sicht der Dinge in der Weltsicht des einen vorzukommen. Beide meinen, verzweifelt um den Erhalt ihrer Ehe zu kämpfen, und doch führt dieser Zirkel scheinbar unausweichlich zu einem Ort, an dem keiner von ihnen eigentlich hinwill, nämlich zum Scheidungsgericht.

Das Letzte, was Paare in dieser Situation brauchen können, sind Freunde bzw. Freundinnen, die sie in ihrer Positionierung „unterstützen“: Genau! Zeig’s dem verantwortungslosen Dreckskerl / der nagging bitch! Unfassbar, was der / die sich da leistet! Lass dir das bloß nicht mehr gefallen!

Spätestens seit dem letzten Wochenende scheinen mir Griechenland und der Rest der Eurozone in einem ebensolchen Zirkel angekommen zu sein. Und an „Freunden“ und „Freundinnen“ fehlt es auf beiden Seiten nicht. Ich fühle mich unterdessen wie das Kind des Scheidungspaares, das sich im Kleiderschrank versteckt.

Die Wirklichkeit der Eurozone ist bekannt: Die schöne Helena (so sind sie halt, die schlampigen Südländerinnen) hat uns betrogen, aber wir waren großzügig, wir haben sie nicht hinausgeschmissen, im Gegenteil, wir haben ihr sogar noch die Psychotherapie mit unserem sauer verdienten Geld gezahlt, auf dass sie ihre Impulskontrollprobleme besser in den Griff bekommt, und wie dankt sie uns das? Indem sie mit dem fiesen Vladimir flirtet, indem sie aus heiterem Himmel die Therapie hinschmeißen will, indem sie uns die Hölle heiß macht mit dem Vorwurf, wir würden ihr die Luft zum Atmen abschnüren ...

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