Urteil im Fall Tugce: 3 Jahre Jugendstrafe für Sanel M. – ein gerechtes Urteil?

von Dr. Sascha Böttner

Es war einer der Strafprozesse, bei denen die Rollen von Beginn an klar verteilt waren: Gut gegen Böse. Auf der einen Seite steht der von der Presse teilweise als „Komaschläger“ bezeichnete Sanel M. und auf der anderen Seite die getötete Tugce Albayrak. Es befindet sich also auf der einen Seite ein bereits strafrechtlich in Erscheinung getretener und als „Schläger“ bezeichnete Heranwachsende, auf der anderen Seite die unbescholtene Tugce Albayak, die ihre ganzes Leben noch vor sich hatte und Lehrerin werden wollte. Der Angeklagte ist lebendig, das Opfer tot und das Presseaufgebot enorm.

Das war im Grunde von Beginn an klar. Die erste Überraschung kam auf, als nicht ausgeschlossen werden konnte, dass es sich lediglich um eine – wenn auch heftig geführte – Ohrfeige handelte. Diese hatte zum Sturz geführt und dieser wiederum zum Tod. Der Vorwurf Totschlag oder Mord waren spätestens nach Vorliegen der Ergebnisse der Rechtsmedizin vom Tisch. Im Gegensatz zu Fällen, bei denen mehrfach z.B. im Rahmen einer gefährlichen Körperverletzung oder schweren Körperverletzung durch Schläge und/oder Tritte auf ein Opfer eingewirkt wird, ist bei einer einzelnen Ohrfeige ein Tötungsvorsatz eher fernliegend. Es kam daher „lediglich“ eine Körperverletzung mit Todesfolge in Betracht. Dabei handelt es sich um die Kombination einer vorsätzlichen Körperverletzung und eines dadurch kausal und zumindest fahrlässig, sorgfaltswidrig herbeigeführten Todes als Folge.

Doch hatte sich bei der Bewertung der Tat in den Köpfen der Richter – die auch nur Menschen sind – tatsächlich etwas geändert? Strafrechtlich ist der Unterschied zwischen einem Totschlag mit bedingtem Vorsatz und einer Körperverletzung mit Todesfolge ganz erheblich. Denn im Erwachsenenstrafrecht wird Totschlag gem. § 212 StGB mit Freiheitsstrafe von 5 bis 15 Jahren bestraft, in besonders schweren Fällen sogar mit lebenslanger Freiheitsstrafe ...

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