Warum so kompliziert? ZDF-Doku beendet den NSU-Prozess

von Holger Schmidt

Während sich der Staatsschutzsenat am Oberlandesgericht München auf die nächste Prozesswoche und die Verhandlungstage 208 bis 210 vorbereitet, ist die Aufklärungsarbeit in Sachen “NSU” beim ZDF offenkundig schon erledigt. Unter dem Titel “NSU privat” ist zu sehen, wie die Terrorzelle dachte, handelte, liebte, mordete. Jeweils mit Ausrufezeichen. Für Fragezeichen ist in der Sendung kein Platz. Selten habe ich eine so krasse Verletzung der Unschuldsvermutung während eines laufenden Gerichtsverfahrens gesehen, die sich neben dem objektiven Tatgeschehen auch noch auf das Denken und Fühlen der mutmaßlich Beteiligten erstreckt. Sicher: Viele Zusammenhänge rund um den “NSU” scheinen inzwischen naheliegend, Teile der Anklage kann man nach dem bisherigen Gang des Verfahrens als halbwegs wasserdicht bezeichnen, zum Beispiel die Brandstiftung in Zwickau. Das ändert allerdings nichts am Grundsatz, dass Urteile in Deutschland durch Gerichte gefällt werden. Doch wozu der Langmut, mag man sich beim ZDF gedacht haben, schnitzen wir uns doch einfach mal das Bild, das wir schon immer vom “Mördertrio” hatten. Das Urteil wird zur Nebensache.

Da passt es gut, wenn man sich zum Beleg des eigenen Bauchgefühls diverser Fachleute bedienen kann. So berichtet ein in solchen Dokumentationen standardmäßig auftauchende Streetworker aus Jena, der Beate Zschäpe als Jugendliche kurz und flüchtig kennenlernte, aber seit 2011 gefühlt von Interview zu Interview besser zu kennen scheint, wie es Jahre später im Untergrund zu ging: “Da stand mit Sicherheit das Essen auf dem Tisch”, spekuliert er ungebremst über Zschäpes Rolle als Versorgerin der nach Hause kommenden Killer, wobei nicht einmal im Ansatz erkennbar ist, woher er das eigentlich wissen will. Bei “Ich-fabuliere-mir-eine-Terrorzelle” dürfen aber auch andere Gewerke mitmachen ...

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