Gericht ist verpflichtet, medizinische Fragen durch den Gutachter beantworten zu lassen - es darf sie nicht selbst beantworten: BGH 24-02-2015

Den medizinischen Standard hat der Tatrichter mit Hilfe eines Sachverständigen zu ermitteln - er darf dies nicht aus eigener Sachkunde tun. Das Gericht darf sich nicht über die Beurteilung des Sachverständigen hinsichtlich des Vorliegens eines Behandlungsfehlers aufgrund eigener Erwägungen hinwegsetzen. Das Gericht darf nicht aus eigener Sachkunde beurteilen, ob ein Fehler als grob oder einfach einzustufen ist - es muss dazu den Sachverständigen befragen, auch wenn es letztlich selbst entscheidet, ob der Fehler als grob oder einfach einzustufen ist (BGH, Urteil vom 24.2.2015 - VI ZR 106/13).

Der Fall:

Der im Jahr 1975 geborene Sohn der Klägerin litt unter einer Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis, weshalb er mehrfach - zuletzt im Januar 2004 - stationär behandelt wurde. In den Entlassungsberichten der R. Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie vom 24. Juli 2003 und 30. April 2004 wurde jeweils eine bradykarde Herzaktion vermerkt. Am 25. Juli 2003, 22. Dezember 2004, 18. Mai 2005 und 24. August 2005 suchte der Sohn der Klägerin den Beklagten zu 1 in der von den Beklagten geführten Gemeinschaftspraxis für Neurologie und Psychiatrie auf. Am 22. Dezember 2004 erhielt er vom Beklagten zu 1 80 Tabletten Amisulprid 200. Am Morgen des 17. Oktober 2005 fand die Klägerin ihren Sohn leblos in seinem Bett liegend auf. Im Bad befand sich Erbrochenes. Bei der rechtsmedizinischen Untersuchung wurde ein Amisulpridspiegel am oberen Grenzwert des Wirkbereichs festgestellt und ein rhythmogenes Herzversagen nach Einnahme von Amisulprid als naheliegende Todesursache angenommen.

Die Klägerin macht geltend, die Beklagten hätten angesichts der kardiologischen Nebenwirkungen von Amisulprid und des Umstands, dass bei ihrem Sohn Bradykardien aufgetreten seien, halbjährliche EKG-Untersuchungen veranlassen müssen ...

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