Amok in den französischen Alpen

von Andreas Prokop

Am Dienstag vor einer Woche ist ein Flugzeug der Lufthansa-Tochter German Wings in den französischen Alpen abgestürzt. Die Ursache war aber aller Wahrscheinlichkeit nicht, wie zunächst voreilig in den Medien debattiert, ein technischer Mangel, sondern ein intentionaler Akt massiver Gewalt des Co-Piloten. Man rätselt nun, ob es sich um ein Verbrechen handelt, oder nicht, das heißt, ob ein Mensch gehandelt hat oder eine Geistesstörung. Im DLF haben sich Zuhörer unter anderem darüber beschwert, dass nun wieder “die unsäglichen Psychologen ihren Senf dazugeben”. Meine Kritik an den entsprechenden Stellungnahmen bezieht sich nicht auf die Einbeziehung des Psychischen in solchen Fällen generell – Léon Wurmser hat der westlichen Kultur vielleicht nicht zu Unrecht eine “Psychophobie” attestiert – sondern auf die ewige Wiederkehr des Gleichen, nämlich einer verdinglichenden Bezugnahme auf “psychische Krankheiten” wie “Depression”, als könne ein abstraktes Konzept eine Subjektfunktion ausüben. Wir behandeln das Seelische wie eine technische Angelegenheit, das durch klar benennbare Störungen beeinträchtigt sein kann, aber das ist eine Chimäre. Leider wissen wir, wie etwa Rodolf Eucken oder später Kurt R. Eissler betont haben, mehr über technische Dinge, mehr über das Atom als über uns selbst. Auch die akademische Psychologie und Psychiatrie machen in ihren Hauptströmungen einen großen Bogen um das Psychische und obstruieren es mit dem technisch Messbaren, Äußeren.
Ob es sich bei der Tat, die als Massenmord erscheint, um ein Verbrechen im juristisch formalen Sinne handelt, wird sich nicht feststellen lassen (es sei denn, man wendet begrifliche Gewalt an), denn wie schon Fritz Mauthner vor über hundert Jahren schrieb, kann der Psychiater dem Juristen die von diesem verlangte Genauigkeit nicht bieten – es ist immer Spekulation ...

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