Ian McEwan, Kindeswohl

von Dr. Georg Neureither

Von Dr. Georg Neureither, Heidelberg

Nichts Geringeres als die Vermessung der Rechtswelt bietet Ian McEwans kunstvoll komponierte Novelle „Kindeswohl“ (der Verlag sagt „Roman“), in der am Beispiel einer Richterin und eines von ihr zu entscheidenden Falles Grundfragen des menschlichen Zusammenlebens verhandelt werden, welches das Recht ordnen soll – und doch nicht kann, weil ihm mit der Kategorie des Nicht-Entscheidungserheblichen Irrelevanzen für die Urteilsgründe innewohnen, die eine rechtliche Erledigung befördern mögen, einer menschlichen Befriedung aber zutiefst hinderlich sind. Generalklauseln, durch die wieder hineinkommt, was zuvor hinausgedrängt wurde, sind dann der einzige Ausweg des Rechts aus seiner selbstverschuldeten Unvollständigkeit. Dabei geht es keineswegs juristisch trocken und abgehoben theoretisch zu, so dass nur öden Juristenseelen, die zum Lachen in den Keller gehen, geraten werden könnte, das Buch zu lesen. Im Gegenteil, es geht, wie sich gleich zu Anfang zeigt, ziemlich „zur Sache“: Let’s talk about sex!

Regeln und Freiheit

Fiona ist Familienrichterin am High Court in London. Darin ist sie Meisterin. Ihren Gerichtssaal hat sie fest im Griff: Anwälten fährt Mylady mühelos über den Mund. In ihren Entscheidungen strebt sie nichts weniger als Unanfechtbarkeit an: „Rationalität in aussichtslose Situationen hineinbringen“, darum geht es ihr. „Göttliche Distanz, teuflische Klugheit“, hat der Lordoberrichter ihr einmal in ahnungsvollen Worten bescheinigt.

Bei solcher Meisterschaft im Familienrecht ist es kein Wunder, dass die Familie wenig bis nicht zu ihrem Recht kommt. Zu Kindern hat es nicht gereicht; es fand sich kein passendes Zeitfenster. Mit dem Sex und dem restlichen Eheleben war lange soweit alles in Ordnung gewesen. Seit Fiona aber Richterin geworden war, gehörte sie „dem Gesetz, wie manche Frauen früher Bräute Christi gewesen waren ...

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