“Nur wundern, nicht ärgern.”

von Felix Menke

„Wenn man einmal einen Menschen richtet, dann muss man es mit Kenntnis aller Umstände tun“, schrieb der berühmte russische Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski einst.

Ob es diese Worte waren, die dem Vorsitzenden eines Schöffengerichts im deutsch-belgisch-niederländischen Grenzbereich in der vergangenen Woche in den Sinn kamen?

Ich schaute jedenfalls doch etwas verwundert, als er begann, das Vorstrafenregister meines Mandanten nicht nur mit den Daten des Bundeszentralregisterauszuges vorzulesen, sondern es sich nicht nehmen ließ, beinahe jede dazugehörige Urteilsbegründung vorzulesen und jeweils mit eigenen Bemerkungen zu versehen.

Zwar war der Registerauszug nicht allzu lang, aber immerhin noch gefüllt genug, um mich zu der höflichen Nachfrage beim Herrn Vorsitzenden zu veranlassen, warum er dies machen würde.

Seine Antwort schien von mindestens genauso ehrlicher Überraschung geprägt wie meine Frage zuvor: „Das macht man so, Herr Verteidiger“.

Ich gebe zu, ich war einigermaßen verdutzt über diese Aufklärung, zumal die vorgetragenen Verurteilungen im Hinblick auf die angeklagte Tat weder einschlägig waren noch sonst irgendwie damit in Verbindung standen.

Das alles geschah um kurz nach Sitzungsbeginn um 8 Uhr morgens. Die reichlich frühe Terminierung hatte mich fast schon zur Unzeit aus dem Bett getrieben, da ja noch eine gewisse Anreisezeit zu berücksichtigen war. Die Verkehrslage war ruhig, und so war ich mit meinem pflichtbewussten Praktikanten überpünktlich im Sitzungssaal erschienen. Wir mussten dann feststellen, dass die Hauptbelastungszeugin noch durch Abwesenheit glänzte. Nachdem knapp zwei Minuten vergangen waren, unterbrach der Vorsitzende kurz die Sitzung, um die polizeiliche Vorführung der Zeugin anzuordnen ...

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