Beleidigte Leberwurst

von Gerd Meister

Der Inhaftierte trägt passend zu seinem langen, schwarzen Bart einen dunklen Salwar Kameez, der ihm über die Knie reicht und seine ausgebeulte Jogginghose soweit verdeckt, dass sie – wie gemacht für das Gewand – als traditionelle Pluderhose durchgeht. Seine Füße stecken in dicken, grauen Wollstrümpfen und diese wiederrum in Schwimmbädern, aber auch in Gefängnissen, so beliebten Badelatschen. Betrachte ich nur diesen Ausschnitt und denke mir das Bild von Marc Chagall, welches in einem schiefen Holzrahmen die gelbe Wand hinter ihm verunziert, weg, könnte er genauso an einem Gewürzstand in der Peshawarroad in Islamabad stehen, nur dann wahrscheinlich ohne Wollsocken. Hier im Besucherraum der JVA aber ist es kalt. Während ich noch überlege, dass die billigen, nie maßstabsgerechten Nachdrucke dieser ewigen Chagalls, Picassos und Dalis und – wenn´s ganz schlimm kommt – van Goghs, ein grausameres Zeugnis der Lieblosigkeit sind, als der so verschmähte röhrende Hirsch vor einem schneebedeckten Alpenpanorama, setzen wir uns an den kleinen Tisch. Ich ziehe meinen schweren Holzstuhl näher an den Tisch heran. Die Stuhlbeine schleifen über den abgewetzten Linoleumboden und verursachen dabei ein Geräusch, das im ansonsten leeren Raum kaum wahrnehmbar nachhallt.

Er kennt mich, wird´s mir also nicht übel nehmen:

„Kennen Sie das Peace-Zeichen? Sieht aus wie so ein verunglückter Mercedesstern. Gibt´s auch als Amulette mit Kette, die man sich um den Hals legen kann. So eine bringe ich Ihnen beim nächsten Besuch mit. Wenn Sie die bei einer polizeilichen Nachvernehmung anziehen, könnten wir Sie als durchgeknallten Hippie aus den 70iger Jahren verkaufen ...

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