“Die Beklagte ist manipulativ und berechnend” schreibt der Richter

von Bernhard Schmeilzl

So spannend lesen sich englische Urteile: Hier eine Entscheidung zur Unwirksamkeit eines englischen Testaments wegen Testierunfähigkeit und manipulativer Beeinflussung

Dass der einzelne Richter in UK eine herausgehobene Stellung hat – und zwar als konkrete Person, nicht als “Mitglied eines Spruchkörpers” – erkennt man bereits daran, dass der Gerichtsentscheidung in England nicht wie in Deutschland das abstrakte “Im Namen des Volkes” vorangestellt wird, sondern das Urteil im Namen des Richters ergeht. In unserem Beispiel (Download hier: Citation Number 2008 EWHC 2451), es handelt sich um einen langjährigen Erbstreit um die Gültigkeit diverser Testamente, steht deshalb auf Seite 1 der Entscheidung:

IN THE HIGH COURT OF JUSTICE
Before: MR JUSTICE BLACKBURNE
– J u d g e m e n t -

Das Urteil wird auch gerne mit dem Namen des Richters zitiert, hier also “Blackburne Judgement”.

Für den deutschen Juristen noch ungewöhnlicher: Der Richter verfasst seine Entscheidung in der Ich-Form. In der 94-seitigen Urteilsbegründung des hier genannten Beispiels werden nicht nur die Parteien mit vollem Namen und voller Anschrift genannt, sondern der komplette Sachverhalt mit allen persönlichen Details dargelegt. So – im Volltext – kommt die Entscheidung dann auch ins Internet (etwa hier) und die juristischen Publikationen, nicht etwa anonymisiert wie in Deutschland.

Der englische Richter hält auch nicht mit seinen persönlichen Einschätzungen hinter dem Berg. So liest man in Ziffer 50 der Entscheidung, was er von den Einlassungen der Beklagten im Nachlassstreit hält:

“I did not find her to be a reliable witness. She frequently evaded the questions put to her or responded by asking a question in reply ...

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