Gibt es eine Ethik des Nudging?

von Hans Michael Heinig

Nudging ist angesagt. Nudging meint, jemandem in seinem eigenen Interesse einen kleinen Schubs zu geben. Die theoretischen Grundlagen liefern die Behavioral Economics: Ökonomen haben beobachtet, dass Menschen im Alltag oft nicht den Modellen der Rational Choice folgen (ich wundere mich immer, mit welchem Erstaunen und missionarischen Eifer diese Einsicht präsentiert wird – vielleicht sollten Ökonomen auch mal andere Bücher lesen, das Alte Testament etwa oder Dostojewski). Die Rationalitätsanomalien des Menschen solle man sich zu Nutzen machen, um Menschen zu ihrem eigenen Glück zu bewegen. Wohlgemerkt bewegen, nicht zwingen. Die Anhänger des Nudging propagieren einen „libertären Paternalismus“. Die Rahmenbedingungen der Entscheidungsfindung nehmen Einfluss auf die getroffene Wahl. Also müsse man die „Entscheidungsarchitekturen“ so zuschneiden, dass Menschen trotz ihrer Verhaltensschwächen die „richtige“ Wahl treffen. Nudging will menschliches Verhaltens also im wohlverstandenen Interesse der Betroffenen manipulieren. An die Stelle von staatlichen Verboten und Geboten tritt die bewusste Gestaltung der „Entscheidungsarchitektur“. Die Rahmenbedingungen des Entscheiders sollen so geformt werden, dass er zum „richtigen“ Verhalten gelenkt wird – bei vorgeblich voller Wahrung seiner Wahlfreiheit.

Was als theoretisches Konzept begann (siehe etwa Cass Sunstein/Richard H. Thaler, Liberarian Paternalism Is Not an Oxymoron, in: University of Chicago Law Review 54 (2002), 1153 ff.; später dies. Nudge, 2008), ist inzwischen längst politische Praxis geworden. Zu verlockend scheinen die Versprechungen des Nudging. Präsident Obama hat einen der Erfinder, Cass Sunstein, 2009 zum Chef des „White House Office of Information and Regulatory Affairs“ gemacht. Die Regierung Cameron arbeitet gezielt mit Techniken des Nudging ...

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