“Herr Rechtsanwalt, ich bin enttäuscht von Ihnen” – Ein Beispiel von Klassenjustiz

von Rainer Pohlen

Es ist mehr als ein Jahr her, als mich ein potenzieller Mandant aufsuchte, um über einen Kriminalcasus zu berichten, in den er involviert war. Es ging um Widerstandsleistung und Körperverletzungdelikte und um die Frage, ob der nach eigener Darstellung promovierte Mann möglicherweise an einer psychischen Erkrankung leide, die seine Schuldfähigkeit beeinträchtigen könnte. Ich weiß nicht, der wievielte Anwalt ich war, den er in dieser Sache konsultierte, aber es waren wohl schon einige gewesen.

Ich habe mich damals fast eine Stunde lang mit dem Mann unterhalten und ihm unter anderem klar gemacht, dass ich zur Beurteilung der Angelegenheit die Akte benötige, und dass das auch mit Kosten verbunden sei. Ich habe auch einen Betrag genannt, den ich jedenfalls als Vorschuss benötigen würde, das wollte er sich überlegen.

Seitdem hatte ich nichts mehr von ihm gehört. Gestern rief er mich nun an. Ob ich mich noch an ihn erinnere, wollte er wissen, und ob ich ihn noch vertreten wolle. Die Sache sei inzwischen bei einem Landgericht angeklagt, ein Verhandlungstag hätte schon stattgefunden, etliche weitere seien terminiert. Sein Pflichtverteidiger sei eine Pfeife. Der psychiatrische Sachverständige, der ihn begutachtet habe, im Übrigen auch. Ihm lägen 8 Gutachten oder psychiatrische Äußerungen vor, die ihm bescheinigten, völlig normal zu sein. Er habe zwischenzeitlich mit 15 (!) Anwälten über die Sache gesprochen, aber das Gespräch mit mir sei ihm in bester Erinnerung.

Ich habe darauf hingewiesen, dass es ein bisschen spät für eine Übernahme der Verteidigung sei und dass er – falls das terminlich überhaupt möglich sei – schon wegen der Vielzahl der noch anstehenden Verhandlungstage mit nicht unerheblichen Kosten rechnen müsse, zumal es sich um eine auswärtige Verteidigung handele. Ich habe auch einen Betrag genannt, der als Minimum auf ihn zukommen werde ...

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