Wurde der Hauptbelastungszeuge von der Staatsanwaltschaft zu einer Falschaussage überredet? Eine zweifelhafte Hinrichtung und ein später Aussagewiderruf

von Rainer Pohlen

Justizirrtümer gehören zum Justizalltag dazu, das gilt nicht nur in anderen Ländern, sondern auch bei uns. Ungesicherte Schätzungen besagen, dass in Deutschland bis zu 25 % aller Strafurteile falsch sein sollen. Auch wenn mir diese Zahl reichlich willkürlich erscheint, denke ich aufgrund eigener Erfahrungen aus 30 Jahren Strafverteidigung, dass die Quote von Fehlurteilen jedenfalls beachtlich ist.

In den USA kommt es immer wieder zu bisweilen spektakulären Aufhebungen von Urteilen, weil sich – bisweilen nach Jahrzehnten – aufgrund neuer Erkenntnisse und moderner wissenschaftlicher Methoden herausstellt, dass die Gerichte seinerzeit falsch gelegen haben. Nicht selten kommt es allerdings auch vor, dass die Justiz trotz ziemlich erdrückender Beweise an den alten Urteilen festhält und großen Widerstand gegen deren Aufhebung leistet.

Über einen solchen Fall aus dem Jahr 1991, der sich inzwischen als mutmaßliches Fehlurteil mit fatalen Folgen erwiesen hat, berichtet spiegel-online in einem lesenswerten Beitrag. Danach wurde Cameron Todd Willingham im Jahr 2004, also 13 Jahre nach der angeblichen Tat, in dem für seine brachiale Hinrichtungspraxis berüchtigten Bundesstaat Texas für einen Dreifachmord hingerichtet, der wohl gar nicht stattgefunden hat. Tatsache ist, dass im Haus der Willingshams seinerzeit ein Feuer ausgebrochen war, bei dem die drei Kinder der Eheleute, die zweijährige Amber und die einjährigen Zwillinge Karmon und Kameron, ums Leben kamen. Cameron Willingham hatte seinerzeit angegeben, von dem Brand überrascht worden zu sein. Er hätte noch versucht, die Kinder zu retten, habe die Rettungsversuche aber abbrechen müssen, weil seine Haare Feuer fingen und die Decke einzustürzen begann.

Die Version der Anklagebehörde lautete anders ...

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