Herr Anwalt, sie können sich tausendprozentig auf mich verlassen…

von Rainer Pohlen

Also, ich finde, 1000 Prozent Vertrauen ist ziemlich viel, wenn es schon mit den hundert Prozent hapert. Wenn jemand das 10fache des Vollvertrauens für sich in Anspruch nimmt, dann ist jedenfalls eine gewisse Vorsicht geboten. Aber wer kennt das nicht?

Da ist zum Beispiel mein Mandant Alfred Apfel. Der heißt in Wirklichkeit natürlich anders, und den genauen Sachverhalt kann ich aus Gründen der anwaltlichen Schweigepflicht auch nicht erzählen, aber Sie müssen sich das ungefähr so vorstellen:

Vor drei Wochen hat der Herr Apfel mich in meiner Kanzlei aufgesucht und mir ein Mandant angetragen. Es geht im weiteren Sinne um Wirtschaftskriminalität, da sollen ein paar Lieferanten mit gefakten Warenbestellungen übers Ohr gehauen worden sein, höhere Schadenbeträge stehen im Raum. Verschiedene Leute, die sich wohnortmäßig über Deutschland verteilen, sind in die Sache involviert und die Kripo ermittelt. Es hat auch schon verschiedene Durchsuchungsmaßnahmen gegeben, deshalb herrscht eine gewisse Nervosität in den Beschuldigtenkreisen.

Ich habe mit dem Mandanten die Sache erörtert, wir haben – das gehört ja irgendwie dazu – auch Honorarfragen besprochen. Das sei alles kein Problem, meinte der Mann, wichtig sei ja, dass ihm geholfen werde. Den vereinbarten Vorschuss werde er umgehend zahlen, das sei ja wohl selbstverständlich. Also habe ich mich darum bemüht, das Aktenzeichen des Verfahrens herauszufinden und schon einmal die Akte anzufordern.

Ein paar Tage später erschien Herr Apfel nach vorheriger telefonischer Vereinbarung in der Kanzlei. Er war inzwischen noch nervöser geworden, weil die polizeilichen Ermittlungen sich ausgeweitet hatten. Er brauche noch einmal Rechtsrat, wie er sich in gewissen Situationen am besten verhalten solle, meinte er. Ich habe ganz höflich darauf hingewiesen, dass der versprochene Vorschuss noch nicht eingegangen sei. “Oh”, meinte Alfred treuherzig, “Ich werde mich sofort darum kümmern ...

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