“Aliquid semper haeret” – Irgendetwas bleibt immer hängen. Die BILD-Berichterstattung über einen Freispruch im Missbrauchsprozess

von Rainer Pohlen

Immerhin hat BILD in einem Beitrag über ein Missbrauchsverfahren gegen einen 51-jährigen städtischen Angestellten aus St. Wendel vorsichtig getitelt: “Stadt-Angesteller (51) soll Tochter sexuell missbraucht haben” heißt es in einem Online-Bericht des Boulevardblattes vom 14.7.2014, und unter der Schlagzeile findet sich ein nur mäßig verpixeltes Foto des neben seinem Verteidiger sitzenden Angeklagten, der darauf sicher von jedem, der ihn kennt, zu identifizieren ist.

Weniger zurückhaltend hatte BILD vor einiger Zeit über einen von mir verteidigten 89-jährigen Kölner berichtet, indem über einem völlig unverpixelten Foto in einer französisch-sprachigen Textausgabe die (hier ins Deutsche übersetzte) Schlagzeile plaziert wurde: “Ein Kriegsverbrecher geht einkaufen”. Ganz indikativ und unbestreitbar las sich das. Ich habe wegen der Berichterstattung eine einstweilige Verfügung gegen BILD erwirkt und darüber mehrfach im strafblog berichtet. Das zivilrechtliche Verfahren ist – nachdem die einstweilige Verfügung im Widerspruchsverfahren bestätigt wurde – derzeit in der Berufung anhängig.

Von “unfassbaren Vorwürfen” ist in dem oben zitierten BILD-Beitrag über den Mann aus St. Wendel die Rede. Die Worte “unfassbare Vorwürfe” sind fett gedruckt, und dann wird – ebenfalls in Fettschrift – der Oberstaatsanwalt Adolf Brass zitiert: “Er verlangte von ihr, ihn im Genitalbereich zu streicheln, fasste ihr auch an den Intimbereich, Brust und Po”. Da haben wir den Indikativ, diesmal aber in Zitatform, ergänzt durch die Worte: “Später soll es mehrfach zum Geschlechtsverkehr gekommen sein.”

Immerhin, dem die Tat bestreitenden Angeklagten wird auch Raum gegeben. Der Mann habe kopfschüttelnd gesagt: “Es bleibt dabei, ich habe nichts gemacht.” Von den Anschuldigungen sei er völlig überrascht gewesen ...

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