Der Zeuge an sich ist unkalkulierbar

von Rainer Pohlen

Es ist eine Binsenweisheit, dass Zeugen das schlechteste Beweismittel überhaupt sind, weil sie lügen, irren, verwechseln und durcheinanderbringen können, weil sie fremd- und autosuggestiven Einflüssen unterliegen können und weil man ihnen halt nur vor den Kopf und nicht in den Kopf hineinschauen kann. Richter haben es bisweilen nicht leicht mit ihnen, weil sie die Aufgabe und Verpflichtung haben, im Rahmen ihrer freien Überzeugungsbildung herauszufinden, was man dem Zeugen denn nun glauben kann oder auch nicht. Bisweilen erscheint uns Verteidigern das Ergebnis richterlicher Überzeugungsbildung als Kaffeesatzleserei, weil wir – das mag funktional bedingt sein – zu einer völlig anderen Sichtweise gekommen sind, nachdem wir die die Zeugenvernehmung mit unseren sonstigen Erkenntnissen abgeglichen und insgesamt Revue passieren gelassen haben.

Zur „sicheren Überzeugung“ des Gerichts habe der Zeuge wahrheitsgemäß ausgesagt, wird uns dann in der Urteilbegründung mitgeteilt, und wir fragen uns, wie bei so viel Konfusion und Widersprüchen eine sichere Überzeugung entstehen konnte.

Manchmal werden Glaubhaftigkeitsgutachten über Zeugen erstellt, weil die ureigene Sachkunde des Gerichts vermeintlich nicht ausreicht, die Glaubwürdigkeit des Zeugen beziehungsweise die Glaubhaftigkeit seiner Angaben zu beurteilen, und dann erzählen uns Psychologen etwas über die innere Schlüssigkeit und Erlebnisbezogenheit von Aussagen, über Aussagekonstanz und denkbare Falschbelastungsmotive, über Suggestionen und über vorhandene oder fehlende Fähigkeiten zur Fabulation. Besonders häufig geschieht das in Missbrauchsverfahren, weil kindliche Zeugen durch ein Gericht angeblich weniger gut beurteilt werden können als Erwachsene, oder dann, wenn es Anhaltspunkte dafür gibt, das psychische Grunderkrankungen bei einem Zeugen vorliegen, Psychosen, Borderline-Erkrankungen, depressive Episoden oder ähnliches ...

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