Der Fluch des Hoeneß-Urteils für uns Strafverteidiger

von Rainer Pohlen

Es ist Pause am 14. Verhandlungstag in einem Verfahren wegen Kapitalanlagebetruges vor dem Düsseldorfer Landgericht. Zwei Zeugen haben von ihrem Auskunftsverweigerungsrecht nach § 55 StPO Gebrauch gemacht und sind wieder entlassen worden. Der nächste Zeuge ist erst im Abstand von einer Stunde geladen, so dass ich Zeit habe, ein wenig zu bloggen.

Themen gibt es viele, über die ich schreiben könnte, zum Beispiel über das kriminelle Verteidigungsverhalten der deutschen Abwehr im gestrigen WM-Spiel gegen die tapferen Algerier oder über die Ingewahrsamnahme des früheren französischen Staatspräsidenten Sarkozy im Zusammenhang mit dem ihm zur Last gelegten Bestechungsvorwurf und illegaler Wahlkampffinanzierung.

Aber das vorliegende Verfahren gibt mir Anlass, mal wieder etwas über Hoeneß zu schreiben oder – richtiger gesagt – über das unheilvolle Urteil gegen den früheren Boss der Münchener Bayern. Unheilvoll ist das Urteil für uns Strafverteidiger deshalb, weil es von vielen Mandanten als Maßstab genommen wird für die Beurteilung des eigenen Tatunrechts und damit zugleich auch für die Bewertung der Verteidigertätigkeit. „Es zählt, was hinten rauskommt“ – diese oft dem Altbundeskanzler Kohl zugeschriebene Weisheit gilt ganz besonders im Strafprozess. Und wenn zu viel herauskommt, also eine aus Sicht des Mandanten zu hohe Strafe, dann wird das gerne dem Verteidiger in die Schuhe geschoben, der halt nicht effektiv genug gearbeitet hat.

In unserem Verfahren geht es um gewerbsmäßigen Betrug mit einem Schaden in Höhe von 1,6 Millionen Euro, wobei der persönliche Profit der Angeklagten wegen der hohen Kosten, die mit der Akquise der Tatopfer verbunden waren, deutlich niedriger ausfällt.

Die Strafkammer hat am ersten Verhandlungstag einen Verständigungsvorschlag gemacht und Strafen zwischen 3 Jahren und 6 Monaten und 4 Jahren und 9 Monaten für den Fall geständiger Einlassungen in Aussicht gestellt ...

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