Der junge Richter und das Tonprotokoll

von Thomas Wings

Neulich kam ich mit einem jungen und durchaus engagierten Amtsrichter in einer kurzen Verhandlungspause ins Plaudern über die Protokollführung. Er bedauerte, dass man die Hauptverhandlung nicht einfach akustisch aufzeichnen könnte. Ich bedauerte aus vollster Überzeugung mit und betonte, dass es aus Anwaltssicht ein Jammer sei, wenn man keine Tonaufnahmen von Strafverhandlungen hätte. „Nicht nur aus Anwaltssicht“ entgegnete er. Was mich überraschte. Denn bislang ging ich immer davon aus, dass es die Richterschaft war und ist, die sich mit Händen und Füßen gegen eine Audioprotokollierung ihrer Verhandlungen wehrte. Der junge Richter hatte sich nicht nur mit mir darüber unterhalten: „Einige Ihrer Kollegen haben mir erzählt, wie es am Landgericht zugeht. Da wird ja noch nicht einmal ein schriftliches Wortprotokoll geführt.“ So ist es. Zur Verblüffung des jungen Amtsrichters und zur Verblüffung sämtlicher Bürger dieses Landes.

Im Strafverfahren vor den Landgerichten, also dort, wo die großen Prozesse stattfinden, gibt es zwar ein Protokoll. Aber da steht im Wesentlichen nur drin, wer ausgesagt hat und ob der- oder diejenige vereidigt wurde. Ansonsten noch, wer so alles da war und welche Anträge gestellt wurden. Etwas ganz entscheidendes für die Überprüfung, ob ein Urteil richtig ist oder falsch, das steht da nicht drin, nämlich, was die Zeugen und Angeklagten inhaltlich gesagt haben. Beim Amtsgericht wird das protokolliert (wenngleich von den sogenannten Urkundsbeamten, die in der Eile das mitschreiben, was sie für wichtig halten – ein wirkliches Eins-zu-eins-Protokoll ist auch das nicht). Beim Landgericht: Fehlanzeige. Kein Wortprotokoll ...

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