Moralische Zwickmühlen

von Dr. Johannes Kalb

Sie sind Lokführer. Ihre Lok rattert mit 90 km/h über die Schienen. In einiger Entfernung befinden sich fünf Arbeiter auf dem Gleis. Die Bremsen greifen nicht. Ihnen wir klar, dass die fünf Arbeiter sterben werden (unterstellen wir, dass dies sicher passieren wird). Sie können aber die Lok auf ein Nebengleis umleiten, wo sich nur ein Arbeiter befindet, der so sicher sterben wird. Wie werden Sie handeln?

Viele Lokführer würden abbiegen. Es erscheint als geringeres Übel, einen Menschen zu opfern, um fünf zu retten. Dieser Gedanke entspricht dem Utilitarismus, dem Prinzip des größten Glücks. Nach dem Utilitarismus besteht Moral darin, Kosten und Nutzen abzuwägen und die Entscheidung mit den besten gesellschaftlichen Folgen zu treffen. Strafrechtlich findet sich diese Wertung in dem übergesetzlichen entschuldigenden Notstand. Der Lokführer, der abbiegt, macht sich im Ergebnis nicht wegen Totschlages schuldig, wenn er sich in einem moralischen Dilemma befindet.

Stellen wir unsere Moral mit einer Abwandlung auf die Probe. Diesmal sind Sie nicht der Lokführer, sondern stehen als Zuschauer auf einer über die Gleise führende Brücke. Die Lok nähert sich, die fünf Arbeiter befinden sich hinter der Brücke auf dem Gleis. Die Bremsen versagen, gleich wird die Lok die Arbeiter sicher erfassen ...

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