Da hat der Mann aber Glück: Zur Relativität staatsanwaltlicher und richterlicher Entscheidungen

von Rainer Pohlen

Nicht erst seit der Causa Hoeneß oder der Causa Wulff, nein, auch aus anderen, weniger spektakulären Verfahren wissen wir, dass staatsanwaltliche und richterliche Entscheidungen von vielen oft nur schwer nachvollziehbaren Faktoren abhängig sind und dass es vergleichende Gerechtigkeit ohnehin nicht gibt. Unsere Mandaten führen uns das mit vielen Beispielen immer wieder vor Augen, insbesondere dann, wenn sie inhaftiert sind. Jeder kennt da den Kindermörder aus der Zelle von nebenan, der gestern aus der Haft entlassen wurde oder eine laue Bewährungsstrafe kassiert hat, während man selbst – welche eine Ungerechtigkeit – immer noch in Untersuchungshaft sitzt. “Da muss man doch was dran machen können, Herr Anwalt, ich denke, sie sind so erfahren und erfolgreich!”, wird uns dann gerne vorgehalten, während wir versuchen, den frustrierten Kerl wieder in ein realistisches Fahrwasser zu manövrieren. “Sie sind ja nicht der Herr Hoeneß und wir leben auch nicht in Bayern”, antworte ich dann beispielsweise, und weise darauf hin, dass jeder Fall anders ist und dass es ja nicht ganz zu Unrecht heißt, dass wir vor Gericht und auf hoher See in Gottes Hand sind. Will meinen: Manchmal ist es losgelöst von jeder anwaltlichen Tüchtigkeit auch ein wenig schicksalhaft, wie sich die Dinge entwickeln.

Übrigens, die Mandanten kennen immer nur Fälle, in denen es den anderen besser gegangen ist als ihnen selbst. Dass uns gesagt wird, ein Mithäftling hätte für eine vergleichbare Tat eine viel härtere Sanktion erfahren, kommt nicht vor. Wahrnehmung ist halt relativ.

Ein befreundeter Mandant ist vor einiger Zeit von seinem Buchhalter ziemlich ausgenommen worden und ich habe mich dazu breitschlagen lassen, seine Interessen zu vertreten, obwohl ich doch eigentlich Strafverteidiger bin und die Fronten nur ungerne wechsele. Aber es gibt halt Ausnahmesituationen, und in diesem Fall wollte ich ihm helfen ...

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