Flucht ins Vergessen

von Mirko Laudon

Nicht selten erlebt man vor Gericht, dass Zeugen plötzlich unter erheblichen Erinnerungslücken leiden: Während sie in der polizeilichen Vernehmung noch detailliert zu berichten wussten, ist in der Hauptverhandlung mitunter alles irgendwie vergessen – man könnte dies wohl treffend als eine Art „Gerichtsamnesie“ beschreiben, für die es aber keine medizinische Klassifikation gibt1.

Der Notausgang sind vermeintliche Erinnerungslücken

Das Phänomen betrifft regelmäßig vorwiegend Zeugen, die einen anderen (mitunter auch sich selbst) nicht belasten wollen und dann den Notausgang in ein „subjektives“ Vergessen wählen. Teilweise berichten Zeugen auch direkt zu Beginn ihrer Aussage, sie könnten sich an gar nichts mehr erinnern, noch bevor ihnen überhaupt eine konkrete Frage gestellt wurde. Professionell am Strafverfahren Beteiligten, also Staatsanwälten oder Strafverteidigern, aber natürlich auch den Richtern treibt ein solch plumper Versuch bereits den Blutdruck in bedenkliche Höhen.

Not­aus­gang des Zeu­gen ist die Flucht ins Ver­ges­sen // Foto: 110stefan / pixelio.de

Wer meint, seine „Vergesslichkeit“ als Notausgang benutzen und sich davonstehlen zu können, liegt falsch. Wer bei der Zeugenbelehrung (§ 57 Abs. 2 StPO) des Richters aufmerksam zugehört hat, weiß, dass nicht nur die unrichtige, sondern auch die unvollständige Aussage zu strafrechtlichen Konsequenzen führen kann. Als unvollständig kann man auch eine Aussage begreifen, die durch vermeintliches Vergessen unvollständig ist und eben nicht dem entspricht, was der Zeuge tatsächlich zur Aufklärung des Sachverhalts beitragen könnte. Das Verschweigen steht insofern dem Belügen gleich2 – und der Einzige, der vor Gericht lügen darf, ist der Angeklagte ...

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